Life Down Under

Image„Four seasons in one day – vier Jahreszeiten an einem Tag“ so beschrieb mein Sitznachbar im Flugzeug das Klima in Melbourne, meinem neuen Arbeitsplatz Ende 1990. Wir hatten gerade die Nordküste des Kontinents erreicht, und erfuhren, daß es noch weitere 4 Flugstunden bis zu unserem Ziel sind. Ein erster Eindruck von der Weite des Landes, irgendwo an der südlichen Küste, am Rande der Welt, nächster Stop Antarctica.

Angekommen – körperlich ja, geistig und emotionell noch lange nicht.

Mal abgesehen vom obligatorischen jetlag und den 10 Stunden Zeitverkürzung. Eine voräufige Unterkunft war vorbereitet. Ein Kollege hatte vorab  aus dem 750seitigen Melway-Stadtplan einige Seiten mit der Weg-Skizze zu dem Firmengelände im Osten der Stadt geschickt, rechts abbiegen, geradeaus, dann links und wieder rechts, weiter nichts – nur es dauerte 1 Stunde – obwohl gegen den Berufsverkehr in Richtung Stadtmitte.

Die Entfernungen sind eben groß, mit gut 100 km Durchmesser liegt die 3,5 Mio-Stadt Melbourne wie ein  Riesen-Pfannkuchen da mit dem CBD (=central business district) westlich von der geographischen Mitte. Übrigens auch heute mit ca. 60,000 Bewohnern recht dünn bewohnt. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind mit Met (S-Bahn), Tram (legendären Straßenbahnen) und Bussen zwar relativ gut – aber mit Auto ist man halt flexibler, auch wenn die Verkehrsdichte laufend zunimmt und der Bau von Stadtautobahnen und Hauptstrassen hinterher-hinkt.

An das Fahren auf der „falschen“ Straßenseite und mit dem Lenkrad rechts gewöhnte ich mich schnell, nur an den über-regulierten Schilderwald werde ich mich nie gewöhnen. Das Land Victoria ist weltweit Vorreiter in Sachen Verkehrserziehung – Gurtpflicht gab es hier zuerst vor mehr als 40 Jahren, und die erste Alkohol-Kontrolle – immer massiv inszeniert – erlebte ich gleich am ersten Wochenende, zum Glück negativ. Und jetzt wird ein Speicheltest auf Drogen bei Autofahrern eingeführt – a world first, wie man hier immer so gerne sagt.

Spirit of Australia 

In den Fernseh-Nachrichten der drei kommerziellen und zwei halb-staatlichen Sender hört man dies immer wieder – auffällig oft bei medizinischen Reportagen. Ich weiß selbst nach 15 Jahren nicht, sind das nun versteckte Minderwertigkeits-Komplexe (aufgrund der Weltrand-Lage) oder Immernoch-Pionierleistungen. Melbourne z.B. ist 160 Jahre jung, Sydney wurde vor etwas mehr als 200 Jahren gegründet, als Kolonie und Ort für einen modernen Strafvollzug. The spirit of Australia – ich finde, die Mischung aus Anpacken-wollen, Risiko-Bereitschaft und Obrigkeits-Kritik gibt es immer noch. Und die vielen Millionen aus nahezu allen ethnischen Gruppen der Welt, die insbesondere nach dem 2. Weltkrieg und der Öffnung des Landes hierhergezogen sind, haben diese Grundhaltung übernommen und weitergeführt.

Die multikulturelle Gesellschaft Australiens funktioniert – im Gegensatz, sagen wir, zu Deutschland. Ich kann, wenn ich will, ein sehr deutsches Leben führen, angefangen mit den Deutsche Welle TV-Nachrichten morgens um 8 Uhr im SBS-Fernsehsender, dann weiter mit dem deutsch-sprachigen Radioprogramm dieser Sendeanstalt, die übrigens Sendungen in insgesamt 68 Sprachen anbietet, einfach Weltspitze. Und heute bietet das Hochleistungs-Internet den totalen Medien-Marktplatz rund um die Uhr.

Networking - eine australische Spezialität 

Damals, 1990 noch nicht. Unser erstes Weihnachten bei strahlend blauem Himmel und bei +30 Grad werde ich nie vergessen, nach der offiziellen Firmen-Feier im kleinen Kreis mit australischen Kollegen und deren Freunden beim BBQ (=Grill) im Garten. Der Kontakt war leicht hergestellt, networking ist eine australische Spezialität und Aufeinanderzugehen und „Hallo – how are you?“ sagen ganz einfach, wobei man keine Befindlichkeits-Geschichten erwarten darf. Meine Frau sagte später mit Bezug auf Freunde und Bekannte: „Wir kennen uns noch nicht so gut, wir kennen nur den Vornamen“ – eine Welt andersherum.
Mit der Sprache ist das so eine Sache.

Mein internationales und von vielen Verhandlungen geübtes Englisch war für den Start ausreichend, aber doch über einen langen Zeitraum immer anstrengend, der Aussie-Slang ist was für sich, auch in den kosmopolitischen Großstädten. Aber das gegenseitige Bemühen muß anerkannt werden – es sind eben die „Vereinten Nationen“ – allerdings auf der Suche nach einer Identität. Die mitgebrachten Kulturen der vielen Einwanderer verschwinden nicht so einfach, im Gegegenteil, in einer zunehmend globalisierten Welt wird das Bewußtsein der kulturellen Identität und Zugehörigkeit immer stärker.

No worries 

Unsere ersten Jahre waren außer-beruflich touristische Entdeckungen voller Überraschungen. Irgendwann gewöhnt man sich an die monotonen Auto Langstrecken nach Sydney (1000 km) oder Adelaide (800 km). Oder an das immer besser und  billiger werdende Netz der Flugstrecken. Und irgendwann legt man die im dicht-bevölkerten Europa normale Hektik ab und gewinnt dem hier üblichen „no worries“ (null problemo) eine gewisse Sympathie ab. Auch wenn der zugesagte Handwerkstermin mal wieder nicht eingehalten wird oder der job mal nicht mit „deutscher Gründlichkeit“ gemacht wird.

Und langsam, nach 3 – 4 Jahren meinten wir zu verstehen, wie „der/die Australier“ funktionieren. Und dann war es doch anders. Z.B. im Arbeitsmarkt  muß man sich heute immer wieder neu bewähren, die Persönlichkeit ist mehr gefragt als das Diplom oder der Hochschul-Abschluß. Den Job auf Lebenszeit kennen wir hier schon gar nicht. Viele Jobs sind inhaltlich und zeitlich fixiert – dann geht’s weiter zur nächsten Aufgabe. Und plötzlich erkennt man, das soziale Gefüge z.B. in der Arbeitswelt ist sehr locker gestrickt oder in der Nachbarschaft distanziert. Und wenn man irgendwie herausragt, dann setzt das „tall poppie syndrom“ ein und man wird auf Normal-Maß reduziert – egalitären Ausgleich nennt man das. Und der „deutsche Dozent“ der alten Tage hat hierbei keine Chance.

Deutsche Down Under 

Die deutschen Auswanderer der 50er und 60er Jahre haben irgendwie ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, die Sprache mehr oder weniger gut gelernt, manchmal wird daraus ein deutsch-englischer Mischmasch, aber auch das ist Ausdruck der allgemeinen Lässigkeit, finde ich. In Sachen Integration sind wir Deutschen downunder führend, bewegen viel (und haben in der wechselvollen, obwohl jungen Geschichte Australiens sehr viel bewegt), ragen aber nicht heraus oder fallen irgendwie auf. „The hidden migrants“, so hat Stefanie Everke, eine junge Dozentin an der Monash Universität in Melbourne, ihre Dissertation zu diesem Thema betitelt.

Bei näherem Hinsehen ist man verblüfft über den nach wie vor sehr hohen Anteil Deutsch-stämmiger an der Gesamt-Bevölkerung, immerhin Platz 6. Während die große Zahl der Nachkriegs- Auswanderer natürlich schwindet und z.B. in den beiden deutsch-geführten „Aged care Dörfern“ im Osten der Stadt bestens untergebracht sind, wenn sie es wünschen oder wenn erforderlich, erleben wir in den letzten Jahren einen stetig zunehmenden Strom an hoch-qualifizierten jungen Deutschen, die nicht mehr „auswandern“ sondern für eine temporäre oder permanente Aufgabe nach Melbourne mitsamt ihren Familien umsiedeln, die globale Welt lässt grüßen. Und natürlich auch einen beachtlichen Teil an gemischt deutsch-australischen Familien mit zweisprachigem Alltag.  

Reflektionen von Hans Schroeder, Kirchenvorsteher Dreifaltigkeitsgemeinde Melbourne und ex-Geschäftsführer Merck Pty. Ltd., Melbourne