Klagt australische Mißstände an: John Pilgers neue Doku "Utopia"

Utopia ist der neue Film von John Pilger, der auf Mißstände und Probleme aufmerksam macht, mit denen Aborigenes in Australien konfrontiert werdenVor etwa 40.000 Jahren besiedelten die ersten Menschen den australischen Kontinent: Aborigines. Erst vor 244 Jahren dagegen entdeckte ihn James Cook, beanspruchte das Land für die Briten und ließ für indigene Bewohner Australiens ein dunkles Kapitel beginnen.

Wie leben sie heute? John Pilger, in Sydney geborner Londoner, der sich als Kriegskorrespondent, Autor und Filmemacher einen Namen gemacht hat, nimmt in seinem neuen Dokumentarfilm "Utopia" Zuschauer mit auf eine bedrückende Reise ins Outback des 21. Jahrhundert. Deutsche in Melbourne-Mitarbeiter Christoph Pantke hat sich für Sie den nicht unumstrittenen Film angeschaut, der Mißstände aufzeigt, mit denen Aborigines noch immer konfrontiert werden. (Foto: film.list.co.uk)

 John Pilger: In Australien herrscht Apartheid zwischen Weißen und Aborigines

Aborigines sind kein einheitliches Volk, sondern bestehen aus verschiedenen Stämmen und Clans mit unterschiedlichen Tradtitionen, Sprachen und Künsten. Vor der Ankunft der Briten im Jahre im Jahre 1788 gab es über 400 Stämme. Doch die ZahlBereits vor knapp 30 Jahren drehte John Pilger einen Film, der das Leben der Aborigines untersuchte verringerte sich schlagartig nach dem Eintreffen der Europäer, die Krankheiten wie Influenza oder Pocken ins Land brachten. Heute leben noch etwa eine halbe Million Aborigines in Australien. (Foto: www.johnpilger.com)

John Pilger, mehrfach ausgezeichneter und in London lebender Journalist, untersucht seit den 70iger Jahren wie die Ureinwohner Australiens in neuester Zeit leben. Seine gerade im Kino erschienene Dokumentation schildert in knapp zwei Stunden eindrucksstark, wie die indigene Bevölkerung vom australsichen Staat ausgegrenzt und diskriminiert wird. Der in Sydney geborene Journalist spricht sogar von einer australischen Apartheid, angelehnt an die ehemalige Rassentrennung in Südafrika. Pilger wirft Akteuren wie etwa Australiens ehemaligen Premierministern John Howard und Bob Hawke vor, Aborigines benachteiligt zu haben und nicht für deren Wohl zu sorgen, was angesichts des Wohlstands und Reichtums Australien bizarr erscheine.

 Verheerende Zustände in einem Land names Utopia

Unter teilweise katastrophalen Bedingungen leben einige Aborigines im australischen Outback noch heuteUnd in der Tat sprechen die Bilder und Fakten, die John Pilger liefert, für sich. All jene Aborigines, die auf ihrem ursprünglichen Land im Outback, nördlich von Ulura geblieben sind, leben - so sieht es der Zuschauer im Film - in heruntergekommenen Baracken. Deutsche Siedler haben das Gebiet übrigens vor einem Jahrhundert Utopia genannt, weil sie dort früher Kaninchen mit der Hand fangen konnten.

Heute teilen sich hier acht Kinder eine Matratze zum Schlafen und insgesamt 20 Bewohern eine Toilette. Ungeziefer kann durch die vielen Löcher in der Wand huschen. Von Hygiene-Standards ganz zu schweigen. Hinzu kommt, dass die Hütten mit giftigen Asbest verkleidet sind, obwohl längst bekannt ist, dass dies auf Dauer kann Krebs und andere Krankheiten auslösen. Der vom Staat bezahlte Aufseher dagegen lebt, so zeigt es Pilger, in einem modernen Steingebäude mit 16 Klimaanlagen. (Foto: www.theguardian.com)

Knapp 30 Jahren nach Pilgers erstem Film keine Veränderung

Doch damit nicht genug. John Pilger, nimmt selbst im Film, der von der britischen Dokumentarfilm-Firma "Dartmouth Films" John Pilger muss sich Kritik gefallen lassen für seinen neuen Film "Utopia"gemeinsam Australiens staatlichem Fernsehsender "SBS TV Australia" produziert wurde, immer wieder Stellung. Er scheut sich nicht, Politiker für indigene Angelegenheiten vor laufender Kamera zu fragen, warum Ureinwohner Australiens in solch kümmerlichen Behausungen leben müssen.

Die Antwort darauf fällt schwammig und unpräzise aus. Das "Ministry of Indigenous Affairs" lenkt das Augenmerk lieber auf all die Verbesserungen in den vergangenen Jahren. Aber John Pilger weiß, wovon er spricht, denn bereits 1985 drehte er einen Film über die Lage der Aborigines. Seine jetztige Dokumentation vergleicht damalige Misstände und kommt zu dem Schluss, dass sich auch nach knapp 30 Jahren nicht viel geändert hat. 

 Was die ersten Australier heutzutage erdulden

In Sydney geboren und aufgewachsen, aber in London lebend und arbeitend: John PilgerInsbesondere im Northern Territory oder Western Australia scheint die Lage prekär zu sein. Pilger konfrontriert sein Publikum mit Bilder von Polizeibeamten, die Ureinwohner misshandeln. Er wirft die Frage auf, warum der Mann stirbt später und trotzdessen Polizisten unbestraft bleiben? Auch die Australiens Bergbau-Industrie käme meist ungestraft davon, wenn sie Aborigines von Land vertreiben, das sie bereits seit Jahrtausenden bewohnten, prangert Pilger an.  Trügen die Australiens Rohstoffe zum Wohlstand des Landes bei, so sähen die ersten Australier davon wenig, kritisiert der Journalist, der in England zwei Mal mit dem renommierten Titel "Journalist of the Year" ausgezeichnet wurde. (Foto: zimbio.com)

Der Film zeigt weiterhin, dass immer noch Aufklärungsarbeit im Umgang mit indigener Geschichte nötig ist. Die idyllische Rottnest Insel in Western Australia ist beispielsweise ein beliebtes Urlaubsziel vieler Australier. Dass sich einst auf dem ehemaligen Ferien-Resort ein Gefängnis für Aborigines befand, in dem viele der Insassen gefoltert wurden, ahnt keiner der Besucher.

 Ein schockierender Film mit einer klaren Aussage

Ist "Utopia", der Film, der in der australischen Presse wie etwa in "The Australian" nicht unumstritten ist, sehenswert? John Pilger gilt als Vertreter des Überzeugungsjournalismus. "It is not enough for journalists to see themselves as mere messengers without understanding the hidden agendas of the message and myths that surround it," sagt er. Damit macht er klar, dass den Zuschauer keine neutrale Fakten-Dokumentation erwartet. Vielmehr werden durch stilistische Mittel wie melancholische Musik, gewollt ganz bestimmte Emotionen beim Betrachten ausgelöst. Die Aussage des Films bleibt so wirklich keinem verschlossen, auch dem nicht, der seine Augen lieber verschließen möchte, vor unangenehmen Mißständen vor der eigenen Haustür.

John Pilger schockiert den Zuschauer mit grausamen, teils fürchterlichen Szenen und versetzt ihn in einen hilflosen Zustand. Der Film lässt dabei keine Unrechtmäßigkeiten aus und nimmt eindeutig Stellung zur Generation "Stolen Generation", der Generation von Aborigine-Kinder, die von ihren Eltern genommen und in "weiße" Adoptiv-Familien oder Heime gebracht wurden, ohne die Einwilligung ihrer Familien, zu gegenwärtigen Stigmatisierungen und Lücken im kollektiven Gedächtnis. Themen, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Wenn Sie nicht zu all jenen gehören möchte, die die Augen verschließen, sollten Sie "Utopia" alsbald im Kino schauen.

 "Utopia" wird gezeigt im Cinema Nova, Carlton 380 Lygon Street, Carlton

Nähere Informationen zu John Pilger finden Sie auf seiner Website www.johnpilger.com

Text: Christoph Pantke, Fotos: Utopia Filmverleih