Willkommen im Schrebergarten! Ausstellung im Goethe-Institut Melbourne

Frischer Blick auf deutsche Schrebergärten - Ausstellung im Goethe-Institut MelbourneAn was denken Sie, wenn Sie „Schrebergarten“ lesen? Abgezirkelte Beete, Spießbürgertum, Vereinsmeierei? Oder saftige Erdbeeren und Erbsen vom Strauch, Sonnenblumen und Omas Kompottgläser? Sicher ist: Wer aus Deutschland stammt, der hat Erinnerungen an Schrebergärten – oder zumindest Gedanken dazu.

Grund genug für das Goethe-Institut Melbourne die Ausstellung „Willkommen im Schrebergarten - Welcome to the Schrebergarten“ zu zeigen, die viele Facetten des Laubenpieperlebens zeigt. Unsere Redakteurin Katja Niedzwezky, die selbst einst in Berlin auf der Warteliste für einen Schrebergarten stand, schaute bei der Eröffnung für Deutsche in Melbourne über den Gartenzaun.

Foto: Nicole Hotze, Kleingärtnerhosentaschenbuch, 2009, Buchobjekt

Frischer Blick auf eine typisch deutsche Erfindung

Vielleicht steht der gute, alte Gartenzwerg am besten für all das, was einen Schrebergarten ausmacht: irgendwie kitschig und spießig, Spießig-schön: Gartenzwerge im Goethe-Institut Melbourneaber doch auch bunt, gut gelaunt und putzig. Und so darf er denn auch im Melbourner Goethe-Institut nicht fehlen und grüßt die zahlreichen Besucher der AusstellungseröffnungWillkommen im Schrebergarten von seinem akkurat geschnittenen Kunstrasen aus.

Weiter oben an den Wänden hängen ganz unterschiedliche Fotografien, die Einblicke in die deutsche Schrebergartenkultur geben. Sie zeigen Pflanzen, Schilder, Lauben, Gartenmenschen – ganz neu betrachtet. So hat Ulrike Vieweg für ihre Bilder unter anderem kleine Bänke und Tische aus Möhren nachgebaut, und Claudia Friedrich entdeckte für typische Gartengeräte neue Einsatzgebiete: Der Spaten teilt die Torte, aus der Gießkanne fließt der Kaffee. Und Diana Stegemann hat typische Gartentypen nachgestellt und in Szene gesetzt – vom Heckensamurai über die Kräuterhexe und die Grashalmstatistikerin bis zur Rasenmäherpilotin.

Sogar in Melbourne leben Schrebergarten-Experten

Leiterin des Goethe-Instituts Melbourne, Eva Schulz, im Schrebergarten-LookIn ihrer kurzen Eröffnungsrede gesteht Eva Schulz, die Leiterin des Goethe-Instituts Melbourne: „Das Thema lag mir auch persönlich am Herzen: Als Kind wollte ich immer einen Schrebergarten – habe aber nie einen bekommen.“ Zudem passe die Ausstellung gut zum Thema Nachhaltigkeit – die Vereinten Nationen (UN) haben die „Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgerufen.

Gut behütet mit Strohhut beschreibt Eva Schulz (Foto), wie sich in Melbourne für das Kunstprojekt immer mehr Expertinnen fanden: Die Fotografin Katrin Schmieder hat Erfahrung mit Kunstprojekten und steht in Kontakt mit dem Leipziger Professor Andreas Wendt, der das Schrebergarten-Projekt ins Rollen gebracht hat.

Catherine Gosling stand als Deutschlehrerin in Melbourne gern mit pädagogischem Rat und Tat zur Seite, denn: „Schrebergärten are a great topic. You see them in Germany everywhere out of the window of trains.” Vor 15 Jahren hatte sie sogar extra beim Goethe-Institut angerufen, um herauszufinden, wie diese speziellen Gärten rechts und links der Eisenbahnstrecken in Deutschland denn genannt werden. Für Catherine Gosling sind die Gärten ein Frischer Blick auf Schrebergärten-Geräte von Claudia   Friedrich„Mikrokosmos“, der viel über menschliche Beziehungen verrät.

Ein griechischer Gärtner in Melbourne

Für griechischen Schwung sorgt mit Charme und Akkordeon der Gärtner Vasili Kanidiadis. Er ist überzeugt: Selbst geerntet schmeckt es besser, es ist gesünder, und Kindern wird nebenbei die Natur nahegebracht. So wie ihm selbst: Er wuchs in einem Haus mit Garten im Melbourner Stadtteil Coburg auf, später in Keilor Park.                                   Spaten-Foto: Claudia Friedrich, Geräte, Fotografie, 40x30cm (hier im Ausschnitt)

Griechisch-australischer Schrebergärtner: Vasili im  Goethe-InstitutDoch sein Vater fuhr mit ihm nach der Schule nach Coburg, wo er das alte Haus abgerissen und das Grundstück in einen Gemüsegarten verwandelt hatte. Vasili half fast jeden Tag und sammelte so reichlich grünes Wissen.

Damit das nicht verloren geht, veröffentlicht er Bücher und hat jede Woche seine eigene Show auf dem Community-Sender Channel 31. „Nebenbei“ betreibt er auch seine eigene Gärtnerei in Coburg, die Munro Street Nursery - noch immer auf dem alten Gemüsegartengrundstück.

 

Der australische Schrebergarten: Community Garden

Gartenzwerge sollen in Melbourne zwar schon gesichtet worden sein (die DiM-Redaktion freut sich auf Beweisfotos), aber Schrebergärten sind unbekannt. Die nächsten Verwandten in Australien sind die Community Gardens, in Melbourne zum Beispiel in Ringwood oder in Fitzroy. Dort hat aber nicht jeder Gärtner seine eigene Parzelle, sondern man arbeitet in der Regel gemeinsam auf der gesamten Fläche. Oft verfolgen die Community Gardens auch soziale Ziele, darunter die Integration von Einwanderern.

Und so „richtig deutsch“ sind heute auch viele Gartenanlagen in Berlin, Köln, Duisburg und anderswo in der Bundesrepublik  nicht mehr: Die eifrigsten Gärtner stammen oft aus der Türkei, aus Russland, aus Italien oder vom Balkan. Andere wichtige Neugärtner im deutschen Schreberland sind Familien mit kleinen Kindern. Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde hat Nadine Austs Beitrag zur Schrebergärten Ausstellung im  Goethe-Institutausgerechnet, dass heute rund 45 Prozent der Neupächter bundesweit Familien mit Kindern sind, die sich in deutschen Großstädten nach ein bisschen Grün sehnen.

Die Neuen Deutschen Kleingärtner kommen - mit Chili und Knoblauch

Schon im Zeitalter der Industrialisierung hatte der Wunsch nach einer grünen Oase für den Erfolg der Schrebergärten gesorgt – aber auch die notwendige Bereicherung des oft kärglichen Speiseplans. In deutschen Großstädten überlebte so manche Familie Kriege und Nachkriegszeiten nur dank der Ernte aus der Gartenparzelle.
Schrebergarten-Foto: Nadine Aust, Mein Garten, 2009, Fotografie 13x18 cm

Mit dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg kamen das Gärtnern und Einkochen dann so langsam aus der Mode – und gleichzeitig gedieh das Spießbürgertum, das heute noch in manchen Anlagen blüht: schnurgerade Pflasterwege, unkrautfreie und geschorene Rasenflächen, Betonteiche und aus Autoreifen geschnitzte Schwäne. Doch die Neuen Deutschen Kleingärtner kommen – mit Chili und Knoblauch, Wiesenblumen und Weinranken an der Pergola, mit Plantschbecken, Nistkästen und Kräuterspiralen!

Regelwut: Nicht Radfahren, nicht zu viele Blumen, Türen leise schließen

Regelwut im Schrebergarten: Verbote, GeboteNicht immer gelingt Multikulti im Schrebergarten: In ihrem Vortrag über „Welcome to the Schrebergarten of rules, regulations and other pests“ anlässlich der Ausstellungseröffnung im Goethe-Institut berichtet Brigitte Lambert von einem Hamburger Kleingartenverein, der tatsächlich den Aufnahmeantrag eines Türken abgelehnt hat, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Für ihre Präsentation über Regeln und Verbote im Kleingärtnerleben hat Brigitte Lambert persönlich in einer Nürnberger Schrebergartenkolonie recherchiert, in der ihr Cousin eine Parzelle bewirtschaftet.

Die trocken-humorvolle Präsentation sorgt beim Publikum für viel Gelächter, Zwischenrufe und Aha-Erlebnisse. Denn auch wenn Gartenkolonien zum öffentlichen Grün gehören, so stellt die dahinterstehende stramme Organisation – vom Bundesverband über fünf weitere Ebenen bis zum lokalen Gartenverein – doch genaue Regeln für Besucher und Gärtner auf: Nicht mit dem Rad fahren, nicht nach 19 Uhr den Rasen mähen, mindestens ein Drittel der Pazelle mit Obst und Gemüse bepflanzen – und beim Verlassen der Anlage das Tor bitte leise schließen

Doch genau wie viele „neue“ Schrebergärtner aller Altergruppen und Nationalitäten war auch Stilecht mit Erdbeerbowle: Ausstellungseröffnung im  Goethe-Institut MelbourneBrigitte Lambert fasziniert von der Blütenpracht, dem Grün und der reichen Ausbeute an Obst und Gemüse in der Nürnberger Gartenanlage. Nicht umsonst haben Generationen von Kleingärtnern in Kolonien wie "Feierabend", "Nachtigallental", "Goldene Aue", "Freie Scholle" und sogar „Blüh auf“ und „Uns genügt’s“ ihre Parzellen bepflanzt und gepflegt.

Eine Ausstellung aus der Heimat der Schrebergärten

Die Ausstellung „Willkommen im Schrebergarten“ wurde vom Institut für Kunstpädagogik der Universität Leipzig im Auftrag des Goethe-Instituts entwickelt. Sie stammt damit aus dem Geburtsort des Schrebergartens, denn die ersten in Deutschland als Schrebergarten bekannten Gartenanlagen haben ihren Ursprung in Leipzig. Die Leipziger Kunstpädagogik-Studierenden hatten sich zuvor zwei Semester lang künstlerisch mit dem Thema "Gärten in Deutschland. Die Schrebergartenkultur." beschäftigt - von Fotografie über Malerei bis hin zum Kurzfilm. Eine Auswahl der fotografischen Arbeiten ist nun in Melbourne zu sehen – und sie sorgen sicher bei jedem Besucher mehr als einmal für ein Stirnrunzeln, ein Kichern oder auch ein Schwelgen in Erinnerungen.

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Willkommen im Schrebergarten - Ausstellung im Goethe-InstitutDie Ausstellung „Willkommen im Schrebergarten“ im Goethe-Institut Melbourne läuft noch bis zum Donnerstag, 30. September 2010. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag: 9 bis 17 Uhr und Freitag: 9 bis 15 Uhr

Kostenlose Führungen mit Aktivitäten für Schulklassen (Stufe 5 bis 12) können vereinbart werden. Für die Vorbereitung stehen Unterrichtsmaterialien bereit. Auch Führungen für Gruppen können mit dem Goethe-Institut vereinbart werden.

Kontakt: Goethe-Institut Australien, Melbourne, Tel.: +61 3 98648915, E-Mail:

Zusätzliche Materialien wie Videos, Interviews und Bastelanleitungen gibt es auf der Projekt-Website der Universität Leipzig.



Und noch ein Tipp für Deutschlandreisende: In Leipzig gibt es das Deutsche Kleingartenmuseum. Es logiert im 1896 eingeweihten Vereinshaus des ersten Schrebervereins, der 1864 gegründet wurde: Aachener Str. 7 in D-04109 Leipzig.