Ein deutscher Chor in Melbourne wird 150 – die Liedertafel Arion

Mehr Besucher als erwartet beim Konzert der   Liedertafel  Arion in MelbourneUnglaubliche 150 Jahre alt ist der Melbourner Männerchor „Liedertafel Arion“ in diesem Jahr. Gegründet zur Zeit des Goldrauschs in Victoria, verboten in Kriegszeiten, mit neuem Schwung dank neuer Einwanderer aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – die Geschichte des Chors ist auch die der deutschen Gemeinschaft in Melbourne.

Der besondere Geburtstag wurde jetzt mit einem Jubiläumskonzert im Centre Ivanhoe, ehemals Heidelberg Town Hall, gefeiert. Für Deutsche in Melbourne lauschte Katja Niedzwezky.

 

Großes Jubiläumskonzert im denkmalgeschützten AmbienteDeutscher Männerchor Melbourne im Ivanhoe Centre

Lange vor Konzertbeginn beginnen die Besucher in die Konzerthalle zu strömen. Im dichtgedrängten Vorraum schwirren deutsche, englische und deutsch-englische Sätze durcheinander. Das denkmalgeschützte Art-Deco-Ambiente der 1937 erbauten Heidelberg Town Hall passt bestens zum festlichen Anlass.

„Im Februar 2009 haben wir mit der Vorbereitung begonnen“, berichtet Helga Schlüter, rührige Ehefrau des Liedertafel-Präsidenten Werner Schlüter. Ungezählte Abende haben die neun Mitglieder des Festkomitees damit verbracht, jedes Detail zu planen, von der Hallenmiete über die Finanzierung bis zum Konzertprogramm. „Wir sind ja alle Amateure“, lacht Helga, die in den fünfziger Jahren als 18-jährige aus Bielefeld nach Australien kam. „Und so ein Konzert, das macht man nicht jeden Tag.“

 

Generalkonsulin Dr. Schleich freut sich: "Chor läßt German liedkultur weiterleben"

Und immer mehr Menschen strömen ins Centre Ivanhoe, zusammen mit den Sängern und Gastkünstlern fast rund 850, viel mehr, als die Organisatoren erwartet hatten. Tusch! Die Blechbläser der Hawthorn Band schmettern den Auftakt, dann sorgen die von der Liedertafel Arion und der Liedertafel Adelaide intonierten Nationalhymnen von Deutschland und Australien für einige Rührung im Publikum.

Liedertafel Arion - ein Stück Deutsche Geschichte in  Melbourne

Die Melbourner Generalkonsulin Dr. Anne-Marie Schleich gratuliert in einem kurzen Grußwort und freut sich, dass der Chor deutsche Traditionen und „German liedkultur“ weiterleben lässt. Das Konzertprogramm ist gut gemischt von Klassik über Volksmusik bis Cabaret – und auch die Vortragenden wechseln.

Die beiden Solisten Mary-Louise Santa und Marco Cinque singen sich mit Liedern von Brahms, Verdi und Schumann, vor allem aber mit dem Duett „Time to Say Goodbye“ in die Herzen, und auch der Choir Victoria Youth Chorus findet seine Fans im Publikum.

 

Kinder und Kekse auf der Empore

In der Pause bleibt Zeit für Gespräche mit Gästen. Ingrid Tromp (siehe Foto) ist mit ihrem Mann, der in der Liedertafel Adelaide singt, aus Südaustralien angereist. Ein Hamburger Akzent ist deutlich erkennbar, obwohl sie in Ostpreußen geboren wurde und seit Anfang der fünfziger Jahre in Australien lebt. Das Konzert gefällt ihr bestens. Dasselbe gilt für Gerda, die aus Freiburg stammt und ebenfalls in den fünfziger Jahren nach Australien kam. „Damals hieß es ‚Come to the land of milk and honey’, aber wir setzten hinzu: 'but bring your own bees and cows“, erinnert sie sich schmunzelnd.

Den Generationswechsel in der deutschen Gemeinschaft in Melbourne beobachtet sie in der eigenen Familie: Für ihre längst Ingrid Tromp aus Adelaide zu Gast beim Liedertafel Konzerterwachsenen Kinder habe der traditionsreiche Deutsche Club Tivoli keine Anziehungskraft mehr. Auch beim Jubiläumskonzert überwiegt die Zahl der Senioren im Publikum, so mancher hält dem Chor seit Jahrzehnten die Treue. Doch auch ein paar junge Familien sind unter den Gästen, deren Kinder das dreistündige Programm von der Empore verfolgen, wo man frei herumlaufen und auch schon mal mit Kekse krümeln kann.

Für das Finale versammeln sich die Liedertafel Arion und die Liedertafel Adelaide erneut gemeinsam auf der Bühne, um den Pilgrims’ Choir und den Sklavenchor von Verdi zu singen. Und auch eine Zugabe fehlt nicht: „Heimweh“ heißt das Lied, das von rauschenden Quellen im Talesgrund erzählt, bevor lang anhaltender Applaus das Festkonzert beschließt.

800 Lieder im Repertoire - vom Volkslied bis zur Klassik

Große Auftritte erfordern regelmäßige Übung. Jeden Montagabend treffen sich die Sänger im Deutschen Club Tivoli, um zu proben. „Wir haben 800 Lieder im Repertoire, aber nicht alle werden noch gesungen.“ berichtet Präsident Werner Schlüter. Und seine Frau ergänzt: „Die meisten Sänger sind über 70, elf schon über 80, da werden manche Stück dann schon zu schwierig. Wir sind im Herbst unseres Lebens, viele schon im Winter.“ Bei der Auswahl der Lieder gibt es manchmal unterschiedliche Auffassungen, nicht jeder wolle „die alten Schnulzen und Wiesenlieder“ singen. Zudem stammten die wechselnden Dirigenten der letzten Jahre nicht mehr aus Helga Schlüter: Mitorganisatorin des KonzertsDeutschland, so dass die persönliche Verbindung zur deutschen Kultur fehlt.

Auf dem Arion-Programm stehen klassische und kirchliche Musik, deutsche Volkslieder und Variationen englischer Lieder. Die musikalische Leitung übernahm Anfang 2008 Valentino Gamboz. Der erfahrene Dirigent, Musiklehrer und Musikwissenschaftler stammt ursprünglich aus Jugoslawien, lebt jedoch seit 1984 in Australien. Die Pianistin Natalya Vagner, geboren in Kasachstan, begleitet den Chor schon seit über zehn Jahren.

 

Liedertafel leidet an Nachwuchsmangel - wie viele Männerchöre in Deutschland

46 Männer singen zur Zeit in der Liedertafel Arion, doch genau wie die meisten Gesangvereine in Deutschland leidet der Chor unter Nachwuchsmangel. Präsident Werner Schlüter würde sich sehr über neue Stimmen freuen: „Es ist sehr schwer, neue MitgliedGut besucht: Das Konzert der Melbourner Liedertafel Arioner zu finden. Ein Problem ist, dass der Deutsche Club in Windsor liegt, und manche wohnen weit draußen, in  Mount Eliza oder in Sunbury. Für viele ältere Leute ist die Anfahrt einfach zu lang.“ Und die Kinder seien leider nicht interessiert, die fühlten sich nicht als Deutsche. Das hat seine Gründe: „Als wir nach Australien gekommen sind, war das Deutschtum nicht sehr beliebt“, erinnert sich Helga Schlüter, deren Kinder zwar noch Deutsch sprechen können, den Alltag aber genau wie sie selbst meist auf Englisch meistern.

Neumitglieder im Chor – in den letzten Jahren kamen sechs neu hinzu - müssen nicht unbedingt Deutsch sprechen können - die Sprache der Musik reicht aus zur Verständigung (und jeder im Chor spricht auch Englisch). Voraussetzung ist lediglich Spaß am Singen und Interesse an den Traditionen des deutschen Chorgesangs. Die Sänger zieht es übrigens auch immer wieder nach Deutschland. Vier Mal ist der Chor schon auf Konzertreise nach "good old Germany" gegangen, 1980, 1985, 1992 und 2000. Für das nächste Jahr ist die Teilnahme am Deutschen Sängerfest im südaustralischen Tanunda fest eingeplant.

Vor 150 Jahren: Deutsche in Melbourne gründen Siedlungen und Vereine

Als der Chor vor 150 Jahren gegründet wurde, hatte der Goldrausch in Victoria gerade begonnen und zog Menschen aus aller Welt an, darunter auch viele deutsche Auswanderer. Doch schon seit den 1830er Jahren waren zahlreiche Deutsche nach Australien gekommen, oft aus religiösen Gründen. Sie errichteten am Rande des damals noch kleinen Melbourne Siedlungen wie Waldau im Bereich des heutigen Doncaster, und wer wollte, konnte um 1860 sämtliche Einkäufe im Stadtzentrum auf Deutsch erledigen. Die deutschen Einwanderer gründeten aber nicht nur einen eigenen Hausstand und manchmal ihr eigenes Unternehmen, sondern eben auch Vereine, darunter 1860 die „Liedertafel Harmonia“, aus der die Liedertafel Arion hervorging.

10_Katja_Arion_06Um 1850 schoss übrigens auch in Deutschland die Zahl der Männergesangvereine in die Höhe. Genau wie die neuen Turnvereine verfolgten sie oft zusätzlich politische Ziele: Die missglückte Revolution von 1848 lag noch nicht lange zurück, und die Industrielle Revolution brachte große Umwälzungen, oft genug Armut und Hunger. Doch im Mittelpunkt standen bei fast allen Chören die Pflege traditionellen Liedguts und das gesellige Beisammensein, auch als Gegengewicht zu den Härten der Zeit. Vereinszweck der 1863 gegründeten Chorvereinigung Erlenbach war beispielsweise „allgemeine Bildung, insbesondere Veredelung des Gemütes und Erheiterung durch Musik und Gesang".

Neuer Schwung mit neuen Einwanderern und alten Noten nach 1945

Auch die junge Liedertafel in Melbourne setzte sich das Ziel, die Tradition des deutschen Chorgesangs zu erhalten und zu pflegen und gleichzeitig die deutsche Sprache lebendig zu halten. Doch während des I. und II. Weltkriegs kam das Vereinsleben zum Stillstand, denn deutsche Vereinigungen wurden in Australien verboten. Die Clubräume wurden 1939 enteignet. Doch zum Glück bewahrte einer der Sänger, der Wurstfabrikant Otto Würth, über all die Jahre das gesamte Notenmaterial sicher auf.Solisten beim Konzert der Liedertafel Arion

Mit der neuen Auswanderungswelle aus Deutschland nach Kriegsende kamen erneut viele begeisterte Sänger ins Land, und als man 1953 endlich auch wieder ein Clubheim hatte, fanden sich am 23. Juni rund 20 Sänger zusammen. Die Liedertafel Arion wurde bald einer der aktivsten Chöre in ganz Australien. Dirigent war damals für 17 Jahre, bis 1977, Fred Ziegler, ein früheres Mitglied der Wiener Sängerknaben, die 1939 eben eine Tour durch Australien beendet hatten, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die Kinderwurden daher in die Obhut von australischen Familien übergeben, gingen hier zur Schule und wurden heimisch: Nur einer verließ nach 1945 „Down Under“.

1970 war die Liedertafel Arion Gastgeber des 1. Deutschen Sängerfests in Australien. Solche Sängerfeste wurden zur Tradition in Australien, und der Melbourner Chor war bis heute noch weitere vier Mal Gastgeber, jeweils mit bis zu 18 deutschen Chören aus ganz Australien.

Auftritte bei Tanztee und Oktoberfest, Konzerte in deutschen Kirchen und Heimen

Heimat der Liedertafel ist heute der Deutsche Club Tivoli im Melbourner Stadtteil Windsor. Dort wird nicht nur geprobt, sondern der Chor tritt auch bei Veranstaltungen wie dem Club-Geburtstag, dem Oktoberfest, bei Weihnachtsfeier und Teetänzen auf. Nach den Proben treffen sich die Chormitglieder in der Bar, um ein wenig deutsche „Gemütlichkeit“ zu genießen. Die Ehefrauen unterstützen den Chor regelmäßig mit Sponsoring-Aktivitäten wie dem „Tea Dance“ und dem „Gartenfest“. Der Männerchor singt mehrmals im Jahr in den deutschen Altersheimen und in den deutschen Kirchengemeinden Melbournes. Und jedes Jahr gibt es ein Konzert in der Lutheran Chapel in Croydon mit 300 bis 400 Gästen

Liedertafel Arion und Liedertafel Adelaide beim KonzertDie „dienstältesten“ Sänger sind Kuno Weller und Ernst Ruff. Letzterer arbeitet gerade an den letzten Zeilen einer Jubiläumsbroschüre für die 150 Jahre alte Liedertafel Arion. Gibt es Pläne für die Zukunft? „Dass wir weiter bestehen und doch noch ein paar  jüngere Leute in unseren Chor begeistern können“, hofft Liedertafel-Präsident Werner Schlüter.

Kontakt: Liedertafel Arion, Deutscher Club Tivoli,
291 Dandenon Road, Windsor, Vic.3181, Tel. (03) 9529 5211

 

Interessierte Sänger melden sich bei Richard, Tel.(03) 9763 5338 oder bei jedem anderen Vorstandsmitglied  - Kontaktnummern auf der Website der Liedertafel Arion.