Coburgs Drive In-Cinema: Wo man das wahre Melbourne entdecken kann

Auf dem Weg ins Melbourner AutokinoAutokinos spielten eine riesige Rolle in der australischen Kulturgeschichte der 60er und 70er Jahre. Warum und vor allem wieviel Spass ein Besuch machte, erfährt man als Deutscher in Melbourne eigentlich erst, wenn australische Freunde davon erzählen. Übrigens nicht nur von den Kinos, sondern auch von interessant ausgestatteten Autos, mit denen manche zu den Kinos fuhren.

Von den 330 australischen Drive In-Cinemas noch drei in Melbourne und Umgebung übrig geblieben. Claudia Raab packte Kinder und Popcorn in ihren Wagen und fuhr ins Coburger Autokino, um dem Stück australischer Geschichte nachzuspüren. Faszinierend und ein Heidenspass - für Kids und Erwachsene! Ein Geheimtipp sowieso!

Nostalgischer Blick, begeistertes Schwelgen in Erinnerungen

Schon mal den Begriff "Drive In-Cinema" im Beisein von australischen Freunden erwähnt? Das ist dann so, als hätte man deutsche Freunde erinnert an die Ohrfeigen, die Bud Spencer und TeAutokino in Melbournes Stadtteil Coburgrence Hill in ihren Italo-Westen ausgeteilt haben. Oder an  "Schimmi", Deutschlands coolstem Tatort-Kommissar alias Goetz George, der durchs Ruhrgebiet jagt. Nostaligischer Blick, langezogene Seufzer, begeistertes Schwelgen in Kindheits- und Jugend-Erinnerungen.

Das "Drive In-Cinema" in Australien: "The institution of teenagers and young adults in Australia in the 60's and 70's", schwärmt meine Freundin Anne und meine Freundin Estelle fügt entzückt hinzu: "So ace. We used to go to the "Track" which was on Toorak Road just on the hill above Tooronga Road. I remember seeing "Aristocats" and "What's up Doc?" with Barbra Streisand."

Leider fast von Bildfläche verschwunden

Wie leider Bud Spencer und Goetz George, ist mittlerweile auch Melbournes Autokino "The Track" für immer von der Bildfläche verschwunden. Ebenso wie die meisten der fast 330, die in ganz Australien aus dem Boden gestampft wurden. 60 Drive In-Cinemas gab es in Victoria, 19 davon allein in Melbourne. Hier eröffnete in Burwood 1954 das allererste.

Glücklich im AutokinoZum Glück gibt es Melbournes Stadtteil Coburg, in dem eine der australischen Ikonen noch immer ihren festen Platz hat: Das Coburg Drive In-Cinema, das 1965 eröffnete. Mittlerweile wird es von den Village Cinemas gemanagt. Von genau dort poppen Sonntagabend fünf strahlende Gesichter im Facebook-Post meiner Freundin Janina auf meinem Handy-Display auf. Die komplette Familie im Auto. Voller Vorfreude wartend auf "Finding Dory".

Mit Popcorn, Pringels und Pfefferminztee im Gepäck

Sekunden später bin ich auf der Website des Autokinos. Glück gehabt: Weil Schulferien sind, werden Tickets für Montag gebucht. Montags ist Family Day. Für Erwachsene kosten Tickets $10 anstelle $18.50, für Kinder $7.50 anstelle $15. Wer mit einer sogenannten "Car load" kommt, also vollem Auto mit fünf Personen, zahlt keine $45, sondern nur $25. Kinder bis 11 Jahre haben generell freien Eintritt.

Wir packen das Auto, als würden wir zum Picknick fahren. Der Korb ist voller Popcorn, Pringels, Marshmallows und Softdrinks.  Bei Temperaturen um 13 Grad sind auch Thermoskanne mit heißem Pferfferminztee, Schlafsäcke und warme Decken dabei. Zwar gibt es auf dem Gelände des Autokinos einen sogenannten "Diner" - ein kleines Restaurant. Laut Reviews ist das Essen jedoch schlecht und ebenso wie die Getränke überteuert.

Ratschlag in typisch australischer Manier: Erst einmal entspannen

Die Kids bestehen darauf, ihre Hausschuhe anzubehalten. "Das ist viel gemütlicher, und wir gehen eh´ nicht raus," wird gerufen. Ich springe über meinen deutschen Schatten und beschließe, das Arguments gelten zu lassen. Das Navi lotst uns über den Freeway in Coburgs industriellen Teil, Der Eingang zum Autokino in Melbournes Stadtteil Coburgvorbei an Autowerkstätten, Küchenfabrikanten, Raumausstattern. Dann endlich das Neon-Schild, das das Kino ankündigt. Wir reihen uns in die Autoschlangen ein, die sich bereits rund eine halbe Stunde vor Filmbeginn gebildet haben.Übrigens, rechte Schlange für Cinema 1; linke Schlange für Cinema 2 und 3. Drei Filme können hier, auf den größten Leinwänden Australiens 33 Meter breit, gleichzeitig gezeigt werden. Das Gelände ist groß genug für 850 Autos.

"What do we have to do? It's our first time," frage ich unseren Ticket-Kontrolleur, der vor seinem kleinen Check In-Häuschen auf uns wartet. Der schaut mich mit großen Augen ungläubig an. "I am not from here," erkläre ich entschuldigen, worauf er mir in typisch australischer Manier lachend erst einmal rät: "Relax!" - Entspann Dich! Also: Parken in den Buchten vor unserer designierten Leinwand. Da unser Auto hoch ist, in den hinteren Reihen. Dann Radio auf angegebene Sendefrequenz schalten, denn die kleinen pilzähnlichen Stäbe neben den Wagen schicken den Ton direkt in die Autolautsprecher. Zurücklehnen, noch weiter entspannen und Film ab.

Faszinierend: Pyjamas, Bademäntel, Hauspantoffeln überall

Hört sich einfach an. Ist es auch! Wir parken. Und staunen. Rechts vor uns werden die Campingstühle ausgeklappt und warme Decken um sich Diner im Retro-Style für Popcorn und Getränke vor dem Filmdrappiert. Im Auto rechts neben uns krabbeln die älteren Kids vom Rücksitz auf den Vordersitz. Die Mamas steigen nach hinten, machen sich's mit den Jüngsten auf dem Schoss bequem. Bewegung im Wagen links neben uns. Türen gehen auf. Man steuert den "Diner" an, um Proviant zu holen.

Obwohl gut versorgt, machen wir uns ebenfalls auf den Weg. Der "Diner" hat einen leichen 50er Jahre Charme, gleicht aber sonst jeder anderen Kinovorhalle, in der es Essen und Getränke gibt inklusive Spielautomaten. Die Preise sind dergleichen hoch. "Guck mal. Wie süß," stupst mich mein Jüngster an und deutet auf einen niedlichsten Mini-Stepke. Eingehüllt in Bademantel über Schlafanzug wartet er geduldig auf sein Popcorn an der Hand der Mama, die - für Deutsche kaum zu glauben - ebenfalls im Bademantel ist. Und plötzlich sehe ich sie überall: Pyjamas, Bademäntel, Hauspantoffeln. Faszinierend!

Autokinos: Traum vieler Teenager, Alptraum vieler Eltern

Wir stampfen zurück zum Auto, verrenken uns die Hälse, denn hinter uns auf der Leinwand startet "Civil Intelligence". Mit der richtigen Frequenz können wir auch dafür den Ton empfangen und der Werbung entgehen, bevor unser Film startet. Als der beginnt sind wir begeistert. Der Blick ist fantastisch - egal ob Vorder- oder Rücksitz. Ton so laut wir mögen. Wenn's witzig wird, lachen wir Der Besuch der Kinos war in sogenannten Panel Wagons sehr beliebt in den 70ernungehemmt so laut wir wollen, erinnern uns gegenseitig an Szenen aus anderen Filmen, knistern unbeschwert mit Popcorntüten, schenken uns gegenseitig Tee ein, reden miteinander, weil wir uns plötzlich ganz viel zu erzählen haben und schauen trotzdem unseren Film. Kurz: Wir haben eine fantastische Zeit.

Und ich, ich fühl mich richtig wohl in diesem Stück der australischen Kultur. Pyjamas und Bademäntel um mich herum inklusive. Was ich den Kids nicht erzähle ist, dass die Drive Ins in den 60ern und 70ern oft der Traum vieler Teenager, aber der Alptraum ihrer Eltern waren. Besonders zu Zeiten, in denen sogenannte "panel vans" oder "panel wagons" unter jungen Männern beliebt waren. Ausgestattet mit Matrazen, was ihnen den Spitznamen "shaggin' wagon" einbrachte. Einige von ihnen sollen sogar mit Samt verzierte Innenräume und Vorhänge gehabt haben.

Begeisterung pur für australische Ikone der Vergangenheit

Als sich der Film zum Ende neigt, drängt sich allerdings der deutsche Teil in uns hektisch in den Vordergrund. Selbst meine Kinder rufen: "Schnell, wir müssen los, bevor die anderen Autos starten. Vergügen pur: Film aus dem Auto schauenDas gibt endlose Schlangen." Auf der Fahrt nach Hause werden die Vorteile des Autokinos diskutiert. Immer und immer wieder. Ich kann nicht glauben, wie begeistert meine Kinder sind. "Das war so gemütlich auf dem Rücksitz. Ich konnte mich hinlegen." "Wir konnten sprechen und aufs Telefon gehen, ohne jemanden zu stören." "Der Ton kam aus dem Radio. Wie cool ist das."

Noch einmal wird darauf hingewiesen, wie praktisch es war, in Hausschuhen zu gehen und dass es überhaupt keinem aufgefallen ist. Ich stimme zu und wünschte insgeheim, ich könnte nächstes Mal auch in meinen Schlafanzug meine Reise nach Coburg antreten. Mein australisches Herz jubelt, mein deutsches verkrampft. "Die Scham! Stell Dir vor, Du gerätst in eine Polizei-Kontrolle! Im Schlafanzug," ruft es und gewinnt. "Aber vielleicht die Hausschuhe," flüstert mein australisches verschwörerisch, damit es das deutsche ja nicht hört. Ich nicke. Das könnte ich schaffen! Coburg Drive In-Cinema - wir kommen wieder.

In Melbourne gibt noch drei Drive In Cinemas:

Text und Fotos: Claudia Raab, Foto 2 and 4: www.drive-insdownunder.com.au Foto 6: www.oldcarsweekly.com