Mit Hammerschlag: Melbourner Dreifaltigkeitskirche feiert ihren Luther

Mittelalterliches Treiben beim Reformationsfest der deutschen evangelisch lutherischen Dreifaltigkeitskirche MelbourneUngewohnt: Gaukler, Burgfräulein, Ritter und Drachen tummelten sich am Sonntag auf dem Kirchhof der deutschen evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitsgemeinde. Der Grund: Die Gemeinde - gemeinsam mit der deutschen evangelischen Johannesgemeinde Springvale - lud zum Reformationsfest nach East Melbourne ein, um Martin Luthers Thesenanschlag vor knapp 500 Jahren zu feiern.

Luther hatte mit diesem kritischen Akt die Spaltung der katholischen Kirche und den Beginn der evangelischen initiiert. Genau dies spielten die Gemeinden mit Dietmar Witzleb als Luther nach. Doch hatten sie sich noch vieles mehr einfallen lassen. Deutsche in Melbourne war dabei.

Sich Ohr verschaffen: Mit Hammerschlag gegen Glockenschlag

Sein wir ehrlich: Gegen das nahezu ohrenbetäubende Glockengeläut von Melbournes imposanter, katholischer St. Patrick´s CathedraleDeutsches Geschehen nachgestellt in MelbourneÖ Martin Luther nagelt seine Thesen an wird die nur wenige Schritte entfernte bescheidene deutsche Dreifaltigkeitskirche nie ankommen. Schon gar nicht ohne einen Glockenturm, geschweige denn eine Glocke zum Läuten.

Am Sonntag allerdings machte die Dreifaltigkeitskirche trotzdem von sich hören: Und zwar mit lauten, eindringlich kräftigen Hammerschlägen, genauso wie exakt vor 498 Jahren der deutsche Theologe Martin Luther auf sich aufmerksam machte. Um diesen, sowie die von ihm verfassten 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, drehte sich alles während des mittlealterlichen Reformationsfests.

Beide deutsche evangelische Gemeinden Melbournes luden ein

Bretzeln beim deutschen Reformationsfest MelbourneDie beiden deutschen Melbourner Gemeinden - die Dreifaltigkeits- und die Johannesgemeinde in Springvale - feierten es gemeinsam auf dem Kirchhof der deutschen Kirche in East Melbourne nahe des Parlaments, und gekommen waren etliche große und kleine Gäste. Viele davon im Mittelalter-Kostüm passend zur Zeit der Reformation.

Genau die leitete Luther ein: Reformieren - also erneuern, umwandeln, neu gestalten - das hatte er im Sinn mit seiner "Hammeraktion". Unzufrieden war der 1438 geborene Eislebener mit der katholischen Kirche. Besonders deren "Ablasshandel" war ihm ein Dorn im Auge. So nannte man das Erkaufen der Vergebung der Sünden, das damals gang und gäbe war.Der Chor während des Reformationsfests der deutschen Kirche

Luther: 95 Kritikpunkte an der katholischen Kirche

Mit dem Geld, das die Kirche auf diese Art und Weise einnahm, finanzierte der damalige Papst beispielsweise sein nicht gerade bescheidenes Leben und ließ sich eine stattliche Residenz bauen. Grund genug für Luther 95 Thesen, also 95 Kritikpunkte an der katholischen Kirche, der Zeit zum kleinen Schwatz in der deutschen Kirche in MelbourneÖffentlichkeit kund zu tun. Was er damit aufrührte, war nicht nur den Zorn der katholischen Kirche, sondern auch ihre Spaltung und die Gründung der protestantischen, evangelischen Kirche.

Doch damit nicht genug. Was der umtriebige frühere Mönche noch alles tat, darüber weiss Julia Wright bestens Bescheid: "Er hat auch die Bibel auf Deutsch übersetzt," erklärt die clevere Neunjährige in perfektem Deutsch. Im schicken, roten mittelalterlichen Kleid, das die Oma ihrDeutsches Essen in Melbourne heißbegehrt genäht, und passender Kopfbedeckung, die Papa Tim fabriziert hat, ist sie mit Bruder Jamie (7) und der aus Landshut kommenden Mama Franziska (33) aus Melbournes Stadtteil Mooroolbark angereist. Die Geschwister freuen sich vor allem auf das Essen während des Reformationsfest: Julia auf den Kinderpunsch, Jamie auf die Würstchen.

Helfende Hände der Gemeindegliedern

Hatten Spass beim Reformationsfest in Melbourne: viele GästeLetztere wurden serviert mit gutem deutschen Kartoffelsalat, den die Organisatoren des Reformationsfest und ihre emsigen Helfer und Helferinnen zubereitet hatten. Ein absolutes Muss für Oliver Carr übrigens: "I came here because my partner is German and just learned that some of what Luther said 500 years ago is still valid today which is quite interesting. But to be honest, the Kartoffelsalat is what will bring me back here. It´s a smasher", strahlt der 31-jährige Australier.

Doch neben Kuchen, Bretzel, Fleisch und Kaffee gab es noch viel, viel mehr für die Besucher. AmAltes Handwerk in Melbourne: Spinnen Stand von Eva und Stefan Salm konnten kleine Elefanten-, Wombat- und Hundefiguren, die der gebürtige Kölner aus Blei gegossen hatte, angemalt werden. Barbara Maren Winkler weihte Neugierige in die traditionelle Kunst des Spinnens ein. Schmiede zeigten ihr Geschick und boten ihre Waren feil. Gemeindepädagogin Sabine Hillger hatte mit Kids und Mitgliedern der Jugendband der Kirche Lieder eingeübt, die beim Publikum gut ankamen.

Blauer Tiger passend zum blauen Dirndel von Oma

Streichelzoo auf dem Kirchhof der deutschen Kirche in MelbourneNatürlich fehlte der Streichelzoo mit Hühner und Meerschweinchen nicht. Heißbegehrt waren auch Plätze, um ein Facepainting zu bekommen. Alana beispielsweise verwandelte sich in einen blauen Tiger, passend zum blauen Dirndel, das die Oma zuvor aus Deutschland geschickt hatte. Wer wollte, konnte selbst gemachte Armbänder oder aber auch deutsche Bücher und DVDs erstehen.

Enricos großer, grüner Pappmaché-Drachen war ebenfalls wieder mit von der Partie. Er hatte schon so manchem kleinen Ritter stand gehalten, der während früherer Reformationsfeste in Begehrtes Facepainting Melbourne gegen ihn kämpfte.

Erstes Reformationsfest für neuen Pfarrer

Ganz neu hingegen war das Gemeindefest für Pfarrer Christoph Dielmann und seine Familie. Erst im August hat er sein Amt als PastorHonorargeneralkonsul Michael Pearce und Pastor Christop Dielmann der deutschen, evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitsgemeinde von Pfarrer Matthias Kunze übernommen. Michael Pearce, Honorar-Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Melbourne (im Photo rechts), nahm die Gelegenheit noch einmal wahr und hieß Dielmann erneut willkommen.

Und so verknüpfte sich auch hier Altes und Neues, wie Dietmar Witzleb, alias Martin Luther, zuvor bemerkte: Thesen von vor 498 Jahren angenagelt mit Hightech-Hammer und Nagel aus dem 21. Jahrhundert. Der Kreis schließt sich.

Text und Fotos: Claudia Raab;