Dilemma Leben in Australien: Wenn man gebraucht wird, ist man nicht da

Freundschaft von Deutschland nach AustralienDer Tod kommt immer ungelegen. Gut, wenn man dann gute Freunde um sich hat, die einen trösten und stützen können. Schwierig allerdings, wenn diese Freunde Trost brauchen und 16,000 Kilometer entfernt sind, findet Claudia Löber-Raab und weiß, dass sie nicht allein mit ihrem Problem ist.

In Deutschland und Australien wach

Die Mutter meiner besten Freundin ist gestorben. Heute morgen, zu der Zeit, in der sich unsere Wachphasen überschneiden - meine beste Freundin wohnt in Deutschland, ich hier in Melbourne - hat sie mir auf WhatsApp ihren Text Morgens in Melbourne, abends in Deutschlandgeschickt: "Liebe Claudia, meine Mutter ist gestorben".

Für eine Sekunde stand die Welt still. Ich kenne den Text gut. Vor über zwei Jahren ging der gleiche Text von mir zu ihr auf Reisen: "Liebe Birgitta, meine Mutter ist gestorben". Jetzt sitze ich in Melbourne mit dem Computer auf dem Schoß im Garten und fühle Sonnenstrahlen, die mir wie Lebenskraft erscheinen, auf meiner Haut brennen, während Birgitta hoffentlich so tief es geht in einer dunklen, kalten Winternacht in Hamburg schläft.

Meine Gedanken sind in Deutschland

17 Friend 03Ich müsste so viel schreiben: Artikel über deutsche Weihnachtsmärkt in Melbourne, über den "Gender Gap" Report, der vor kurzem hier in Australien veröffentlicht wurde, über das fabelhafte Kochbuch von Claudia Boster-Laidlaw, dessen Erscheinen am Sonntag gefeiert wird.

Meine Gedanken sind jedoch bei Birgitta. Als meine Mutter starb, ließ sie alles stehen und liegen, schaffte es, trotz heißer Phase und Führungsrolle ihrer Arbeit zu entkommen, um bei der Beerdigung meiner Mutter an meiner Seite zu sein. Und wie ich sie dort brauchte, nach einem Hals über Kopf organisierten 24-stündigen Flug, mitten in der Trennung von dem Vater meiner Kinder und einer Familiensituation in Deutschland, die nicht als innig zu bezeichnen war.

Meine Hand nicht losgelassen

Gemeinsam mit Birgitta habe ich die Tage der Beerdigung überstanden. Sie hat mich abgeholt vom Flughafen, mich vier Stunden lang zum Heimatort meiner Eltern gefahren, unser Hotel gemietet und mich zum Friedhof gebracht. Sie Claudia Loeber-Raab mit ihrem Vater Heinz Loeberstand mit mir am Sarg meiner Mutter, saß neben mir als der Pfarrer sprach und ließ meine Hand nicht los als familiäre Unschönheiten passierten, über die sie mir zuliebe lieber schwieg als offen auszusprechen, was sie davon hielt.

Sie war dabei als ich meinen Vater zum letzten Mal sah in seinem neuen Zimmer in der Senioren-Residenz, die für ihn nun eilends das neue Zuhause sein sollte, da er ohne meine Mutter nicht mehr allein im eigenen Haus wohnen konnte. Birgitta sorgte dafür, dass ich jetzt Fotos von diesem letzten Zusammensein mit meinem Vater habe, die ich anschaue, wenn ich ihn, der nur wenige Monate danach starb, vermisse. Sogar ein kurzes Video drehte sie, in dem er mir von seiner Familie, von seinen Schwestern erzählte - meinen starken Tanten, die ihn mit aufgezogen hatten und alle schon lange verstorben waren.

Geduldiges Warten auf mich auf Trauerlauf

Von Australien zu Rapsfeldern in DeutschlandAm nächsten Morgen wartete Birgitta geduldig mit dem Frühstück im Hotel bis ich von meinem 18 Kilometer langen Lauf zurück kam durch endlose gelbe Rapsfelder durch eine heile Welt mit kleinen Bächlein, munteren Entlein und schmucken scharz-weißen Fachwerkhäusern. Mit Tränen, die mir unaufhaltsam über die Wangen strömten, war ich Kilometer um Kilometer gelaufen, um mir meine Heimat im wahrsten Sinne zu erlaufen, weil ich sie verloren glaubte, weil meine Mutter nicht mehr hier war und wie ich wußte auch bald mein Vater nicht mehr sein würde. 

Ich werde nur in Gedanken bei ihr sein

Wenn Birgitta ihre Mutter begraben wird, werde ich nur in Gedanken bei ihr sein. Für mich ist es momentan unmöglich, zu ihr zu fliegen und glücklicherweise weiß ich, dass sie gut aufgehoben ist und Halt hat von ihrem Mann und ihren 17 Friend 04beiden Schwestern, denen sie im Gegenzug ein starker Halt sein wird.

Schon jetzt haben die drei eine wunderschöne Traueranzeige für ihre Mutter aufgegeben. Eine leuchtend gelbe Sonnenblume prangt auf ihr. Auch hier sehe ich die ungeheuere Lebensfreude der Schwestern, die ich schon immer bewundert und genossen habe, weil sie immer von den drein in mich strömte und ich sie "tanken" durfte.

Und doch bin ich entsetzlich traurig, weil meine beste Freundin traurig ist und ich nicht bei ihr sein kann, so wie sie bei mir war. Ich bin traurig, weil sie den Schmerz der Trauer fühlen und aushalten, den Verlust ihrer Mutter akzeptieren und sie letztlich gehen lassen muß. Ich bin traurig, weil sie weit weg ist und ich sie nicht mal schnell umarmen oder ihr heiße Milch mit Honig zum besseren Einschlafen machen kann.

Die Entfernung zu Deutschland macht das Trösten schwierig

17 Friend 07Ich bin auch traurig, dass sie denkt, sie hat nicht genug für ihre Mutter getan. Genau das, was wir alle denken, wenn jemand unwiderruflich gegangen ist. Ich kann ihr nur von der Ferne aus beteuern, dass sie soviel mehr als andere getan hat, soviel mehr als ich für meine Mutter und meinen Vater schon allein wegen 16,000 Kilometer Entfernung, die einfach nicht zu leugnen sind.

Ich würde gern Birgittas Hand fest halten, wenn ich ihr sage, dass wir alle lernen müssen, dass wir wohl nie genug für unsere Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern machen, machen können, machen wollen. Teils, weil wir uns nicht die Zeit nehmen oder sie uns nicht wichtig genug scheint dafür. Es liegt wohl in der Natur der Menschen, dass wir nicht daran denken oder denken wollen, dass Lebenszeit nunmal begrenzt ist.

Paradox? Tod kann auch gut sein!

Ich würde ihr auch gern persönlich sagen, dass wir lernen sollten, dass nicht immer alles traurig ist. Meine Großmutter ist plötzlich gestorben. Zuhause. Morgens als sie aufstehen wollte. Kein langes Leiden. Vor fast 25 Jahren. Es tut noch immer weh, an sie zu Wichtig im Ausland auch Freundschaften zu pflegendenken, so nah war und ist sie mir. Doch ihr Tod war gut. Kein langes Leiden.

Mein Vater ist nur wenige Monate nach meiner Mutter gestorben, nach einem Leben, das die beiden über 60 Jahre geteilt haben. Gerade vorgestern lauschte ich perplex der Erzählung einer Bekannten, deren Vater und Mutter vor kurzem innerhalb von zwei Tagen verstorben sind. Ist das nicht verständlich? Also, sollte man nicht eigentlich traurig sein über den Verlust, aber nicht über den Tod an sich?

Die Kunst ist es, gehen zu lassen

17 Friend 06Meiner Meinung nach liegt die Kunst darin, gehen zu lassen. Das ist wichtig, für einen selbst und den Verstorbenen. Ich habe einmal gelesen, dass der Verstorbene nur gehen kann, wenn er losgelassen wird von Freunden und Verwandten. Sonst bleibt er in einer Zwischenwelt, in der er ist, damit er sich an den neuen Zustand gewöhnt und selbst Abschied nehmen kann von Menschen, die ihm etwas bedeuten. In dieser Zwischenwelt können ihn anscheinend auch andere fühlen.

Was auch immer wahr daran sein mag, wichtig ist das Loslassen. Und das gilt eigentlich für jede Lebenssituation. Nur so geht es weiter nach vorn. Nur so bleibt man nicht stehen oder ist gefangen im Vergangenen und hält sich selbst zurück von einer besseren Zukunft.

Nur eins nie loslassen: Gute Freunde, die das Leben lebenswert machen

Nur eins sollte man nie loslassen im Leben: gute Freunde. Hat man die gefunden, tragen sie alles mit auf ihren Schultern, Freud und Leid. Das ist mehr wert als Gold und macht das Leben dreimal so lebenswert!nicht loslassen sollte man gute Freunde

Deshalb, auch wenn´s noch so klischeemäßig klingt: Handy raus und schnell eine nette SMS an erstens Eltern, wenn man irgendwie kann, schicken und zweitens den besten Freund oder die beste Freundin! Die Zeit drängt und ist für uns nicht als Ewigkeit erhältlich! Und was die Entfernung angeht: Ich setze darauf, dass Trost und Unterstützung auch gefühlt werden kann. Ich hoffe es!

Text: Claudia Löber-Raab,