Momente in Melbourne: Unerwartet plötzlich aus der Bahn geworfen

Claudia Löber-Raab, Chefredakteurin von Deutsche in Melbourne, macht sich Gedanken zum Tod des deutschen Altbundeskanzlers Helmut Kohl

Auf den Tod von Musikern, Schauspielern oder Sportlern reagiert Claudia Löber-Raab, Chefredakteurin von Deutsche in Melbourne, eher rational. Umso erstaunlicher, dass die Nachricht über den Tod des deutschen Politikers Helmut Kohl sie aus der Bahn wirft. Sie macht sich Gedanken.

Pragmatisches Denken kickt ein

Mein folgendes Bekenntnis mag hart klingen. Die Wahrheit ist: Die Nachricht von Musikern, Schauspielern, Künstlern oder Sportlern, die verstorben sind, auch wenn ich sie sehr gemocht oder bewundert habe, nehmen mich lediglich für einen kurzen Augenblick mit. Dann kickt mein pragmatisches Denken ein. Es zieht rasch aus seinem Der Tod von Prominenten trifft Chefredakteurin von Deutsche in Melbourne Claudia Löber-Raab nicht sehrKarteikasten mit etlichen Karten - geeignet für diverse, sich wiederholende Momente - diejenige mit einem simplen, in bodenständigen Helvetica-Fonts gedruckten "Das ist das Leben" hervor und hält sie mir vor mein inneres Auge. Etwaige Sentimentalitäten werden rasch gestoppt.

Der Tod gehört zum Leben, denk ich mir dann. Eine Tatsache, mit der ich gut umgehen kann und vor der ich keine Scheu habe. Schon als Volontärin zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn habe ich Artikel über den Tod und freiwillig über das erste Sepulkralmuseum der Welt geschrieben, ohne mit der Wimper zu zucken, dafür mit viel Überzeugungskraft, damit diese gedruckt werden konnten. Viele meine Leser waren mir übrigens dankbar dafür, dass ich dieses Tabuthema anging. Was mir wiederum half, meinen damaligen Chefredakteur weniger grimmig zu stimmen.

Gedanken an Familie und Freunde

Ziehen also Todesnachrichten von Stars durch die Medien, schicke ich meinen Finger auf die Spotify-App meines Iphones und lasse ihn die "Best of" Liste des - wie es so Wie fühlen sich Freunde und Familieschon sanft heißt - von uns gegangenen Sängers oder Sängerin, die in Sekundenschnelle nach der Todesnachricht stets zusammengestellt ist, tappen. Oder ich lasse mich kurz auf YouTube ein und schau mir die Highligts aus dem Leben, desjenigen, der nicht mehr ist, an. Rasch noch der Gedanke, wie wohl dessen Freunde und Familie mit dem für immer währenden Verlust umgehen und ein tiefes Dankbarsein für mein eigenes Leben, das noch andauert, das meiner Kinder, meiner Freunde und deren Familien. Dann hat mich der Alltag wieder. 

Es ist nicht so, dass ich selbst noch nie den Verlust gespürt hätte, den der Tod eines nahen Menschen mit sich bringt. Manchmal frage ich mich, ob ich jemals den Tod meiner Großmutter vor rund 30 Jahren verarbeiten werde. Und viele meiner Leser wissen und reagierten auf den Artikel über meinen Vater und meine Mutter, die beide innerhalb weniger Monate vor nicht aller zu langer Zeit in eine andere Welt oder wohin auch immer drifteten. Es ist nur so, dass ich auf das Ableben Prominenter - im Gegensatz zu vielen meiner Mitmenschen - mit weniger Ergriffenheit reagiere. Jeder ist anders.

Helmut Kohls triggert in Melbourne Erinnerungen

Umso merkwürdiger, dass eine Nachricht mich heute morgen doch etwas aus der Bahn warf. Unbemerkt zunächst. Helmut Kohl ist gestorben. Alt-Bundeskanzler Helmut KohlAuch in Melbourne Betroffenheit über den Tod des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl oder der "Kanzler der Einheit", wie er in die Geschichte eingegangen ist. Ich lese die Nachricht auf der Facebook-Seite der Bundesregierung und teile sie auf der Deutsche in Melbourne-Facebook-Seite, was ich normalerweise mit Meldungen aus der deutschen Politik nicht unbedingt mache.

Dann frühstücke ich, fühle mich rastlos, geh auf einen Lauf mit Ava, meiner Labradorhündin, bin immer noch rastlos und dusche. Ich schließe die Augen und das Prasseln des Wassers erinnert mich an das Prasseln der Schritte der Passanten, die an mir vorüber hasten, als ich als Studentin an der Bushaltestelle in der Kurzen Straße in Göttingen stehe. Die deutsch-deutsche Grenze ist seit gestern offen und da Göttingen relativ nah an der damaligen Grenze zur DDR liegt, strömen Ossis unaufhaltsam in die Innenstadt und drängen sich vor den Schaufensterscheiben mit bisher unzugänglichen Konsumgütern des Westens.

"Der Kohl hat das hier alles gemacht"

Der Thüringer Akzent färbt das saubere Hochdeutsch der Göttinger, auf das die Bewohner der Stadt so stolz sind, daß ich als Hessin, die hier Stadtführungen macht, eiligst mein hessisch-obligatorisches "gell" am Ende eines Satzes für immer fallen lasse. Neben mir drückt ein Göttinger unverschämt-penetrant seine Videokamera in das Gesicht Tod Helmut Kohls in Deutschland triggert Erinnerungen in Melbourneeines Mannes, und ich höre den Kameramann nahezu lüstern flüstern: "Ein historischer Moment. Die Grenze ist offen. Ich habe einen echten Ostdeutschen vor der Kamera und frage ihn: Wie ist das für dich hier?"

"Der Kohl, der Kohl hat das hier alles gemacht. Der hat gemacht, dass ich hier sein kann," antwortet der "echte Ostdeutsche", fast als ob er sich rechtfertigen muss, verstört und sichtlich unangenehm berührt. Er eilt weiter, verneinend den Kopf schüttelnd, als ihn der Mann mit der Kamera weitere Fragen stellen will und hinter ihm her hetzt. Noch nie hatte ich mich zuvor so fremd geschämt für jemanden. Wie konnte der Kameramann es wagen, einen Menschen mit seinen Fragen so in Verlegenheit zu bringen? So unfeinfühlig zu sein?

28 Jahre ist das her. Das Wasser prasselt noch immer auf meine Haut, und ich erstelle meine Timeline: Mit meiner Großmutter starb meine Kindheit, mit meinen Eltern mein "Kindsein". Mit Helmut Kohl meine Studienzeit und meine erste Zeit als Journalistin in Redaktionen in Marburg, Kassel, Göttingen, die mich später nach London und Melbourne trägt.

Pragmatisches Denken reagiert nervös

Das macht keinen Sinn, raunt mir mein pragmatisches Denken nervös zu. Es ist besorgt. "Ich habe keine Karte für das Versterben einer Kindheit oder Studienzeit," sagt es beunruhigt und etwas peinlich berührt. "Außerdem können die gar nicht sterben," teilt es mir dann schon fast bockig mit. Ich seufze und gebe ihm recht. Trauer in Australien um Helmut KohlNatürlich geht das nicht und die Zeiten werden immer da sein - in meiner Erinnerung.

Nur, so ein bißchen kommt schon etwas zum Ende mit dem Tod dieses Alt-Bundeskanzlers, den die Staatsoberhäupter Europas sogar zum Ehrenbürger Europas ernannt haben, weil er so viel für die EU getan hat. Nah war er mir nicht, der schwere, knapp 2 Meter große Hüne Helmut Kohl, der Deutschlands Geschicke von 1982 bis 1998 lenkte. Längst nicht so fotogen-charmant wie der Niedersachse Gerhard Schröder (1998-2005), in dessen Bundesland ich gelebt habe als er Ministerpräsident war, oder so unglaublich bewundernswert und "empowering" wie die jetzige Bundeskanzlerin Angela Merkel, egal ob man nun mit ihrer Politik übereinstimmt oder nicht. 

Auswirkungen von Kohls Handeln in Melbourne

Ohne die Taten Helmut Kohls wären viele Deutsche nicht in Melbourne

Aber ein Macher war Helmut Kohl. Ohne Zweifel. Und Leben hat er verändert. Zwei Länder, die zusammen gehören und getrennt waren, wieder zusammen geführt und damit die Familien, die getrennt waren und eine Diktatur, unter der sie lebten, abschütteln konnten. Ohne ihn - und natürlich viele andere - hätte Deutsche in Melbourne keine Praktikanten, die entweder im östlichen Teils Deutschland studiert haben oder aber dort geboren sind. Ohne ihn würde Deutsche in Melbourne nicht diejenigen interviewen können, die aus dem östlichen Teil Deutschlands stammen und nun hier in Melbourne leben. Beides ein großer Verlust, wenn es nicht möglich wäre.

Von daher ist es wohl gerechtfertigt, wenn mich dieses Mal der Tod eines Promis mehr berührt und sogar ein wenig aus der Bahn wirft. Die Karte mit der Aufschrift "Das ist das Leben" gilt noch immer. So auch der "timely reminder": Carpe Diem - nutze den Tag.

Text: Claudia Löber-Raab , Foto 1: Angelika Waesch (Amazing Creatures Photography), Foto 4: Bundesregierung