Neu in Melbourne: Sascha Dornhardt bricht Lanze für junge Generation

Neu in Melbourne: Sascha Dornhardt

Sascha Dornhardt liebt, was viele schwer finden: Mit Jugendlichen arbeiten. Der Deutsche, der jetzt in Melbourne angekommen ist, um für deutsche Jugendliche da zu sein, verteidigt die Generation, von der viele sagen, sie hänge nur vor dem Computer. Wir stellen den engagierten, gebürtigen Herner vor.

Zugang zu Jugendlichen finden

Mit einem Statement wie "Die junge Generation ist zu nichts nutze und hängt nur vorm Computer oder Smartphone" darf man Sascha Dornhardt nicht kommen. Damit stößt man bei dem Deutschen, derVon Lübeck in Deutschland nach Melbourne in Australien: Diakon Sascha Dornhardt erst vor wenigen Tagen in Melbourne gelandet ist, schlichtweg auf taube Ohren. Und das ist gut so, denn die deutsche evangelisch-lutherische Dreifaltigkeitskirche in East Melbourne hat Dornhardt jetzt extra aus Deutschland geholt, damit er tut, was viele schwer finden: Zugang zu Jugendlichen zu bekommen, ihnen zeigen, dass sie gewertschätzt werden, einen Platz haben in der Gemeinde sowie sich dort akzeptiert und wohl fühlen können.

Sascha Dornhardt, 29 Jahre, Diakon und studierter Religions- und Sozialpädagoge, ist der neue "Youth Worker" der deutschen Dreifaltigkeitsgemeinde. Der gebürtige Herner weiß nicht nur, dass es möglich ist, dass sich Jugendliche in einer Gemeinde wohlfühlen können. Er ist davon überzeugt und hat Beweise: In seiner früheren Gemeinde in Reinfeld bei Lübeck in Deutschlands Norden, habe er mit rund 150 Jugendlichen arbeiten können und erzählt - noch immer sichtlich berührt - wie diese für ihn zum Abschied eine sorgsam, handgezimmerte Holzkiste gefüllt mit sehr persönlichen Andenken geschenkt sowie eine Überraschungsparty organisiert haben.

Umzug von Deutschland nach Melbourne fiel schwer

"So etwas hatte ich noch nie erlebt," meint Dornhardt noch immer freudig erstaunt. Es ist ihm anzusehen, dass er den Abschied in Deutschland wohl noch ein wenig verarbeiten muß. "Ich bin mit Sascha Dornhardt, neu in Melbourne, hier während seines Auslandsstudiums in Boston, USAschwerem Herzen gegangen," gibt der Diakon, der in Reinfeld seine unbefristete Stelle kündigte, zu. "Aber niemand war böse," lacht er erleichtert. "Traurig ja, aber nicht böse und viele haben gesagt, sie würden es genauso machen."

Arbeiten im Ausland habe ihn schon seit seinem Auslandssemester in den USA sowie einem Studienaufenthalt in Israel gereizt. Dornhardts Traumland wäre dafür die USA gewesen, doch nicht unbedingt unter der jetzigen politischen Führung. Daher sei die in Australien ausgeschriebene Stelle sehr attraktiv gewesen, wenn auch das Interview per Skype gewöhnungsbedürftig. "Es war schon merkwürdig. Man hatte kein Gefühl für die Atmosphäre in Melbourne," lacht Dornhardt.

In Australien als Deutscher in Randgruppe sein

Dennoch läßt er sich auf das Abenteuer Australien ein. Es sind Fragen, wie Kirche im Ausland funktioniert, wie Deutsche fern der Heimat ihren Glauben praktizieren, die ihn interessieren. "Und auch Vor dem Abflug nach Melbourne mit seinen Eltern in Deutschland: Sascha Dornhardtauszuprobieren, wie es ist, einer Randgruppe anzugehören, fremd und wie auf einer Insel zu sein," sinniert er.  Spannend findet es Dornhardt beispielsweise auch, dass im Kirchenvorstand Nord-Deutsche und Süd-Deutsche neben Deutschen aus dem Ruhrpott sitzen. "Jeder hat seinen eigenen Dialekt, seine eigenen Macken, seine eigenen Gaben." Vor allem fasziniert ihn der hohe Stellenwert, den der Kindergottesdienst einnimmt. "Der ist hier genaso wichtig wie der normale Gottesdienst."

Wobei Dornhardt (im Foto mit seinen Eltern) beim Thema ist: den Jugendlichen. "Ich finde die Generation cool," sagt er ernst. "Ich liebe es, mit der Generation und ihren Problemen zusammen zu arbeiten. Mit zickigen 15-jährigen Mädchen. Mit Jungs in der Pubertät. Sie beschäftigt sich mit Fragen, die im Grunde genommen zutiefst religös sind: Wie werde ich angenommen? Wie werde ich geliebt? Wie ist das mit Schuld? Mit erster Liebe? Dem Stress in der Schule? Wenn jemand auf Facebook fertig gemacht wird, dann ist das nichts anderes als jemand, der vor 3000 Jahren gebullied wurde. Das sind alles Themen, die auch in der Bibel vorkommen."

"Kirche tut sich manchmal schwer"

Arbeitet gern mit Jugendlichen zusammen: Der neue Jugendarbeiter Sascha Dornhardt der evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitskirche Melourne

"Wenn jemand sagt, die sind nur auf dem Smartphone, dann frage ich mich: Warum sind wir dann nicht auf dem Smartphone? Warum haben wir keine App für unsere Gemeinde, so dass sie auf YouTube Videos klicken können? Die Jugendlichen fahren auf anderen Zügen. Auf diese Züge müssen wir aufspringen," sagt Dornhardt lebhaft. "Die Kirche tut sich damit manchmal schwer," weiß er. Oft käme der Einwand: "Dann sind wir nicht mehr wir." "Aber dann müssen wir fragen: Was sind wir denn? Wie vor 20 Jahren können wir nicht mehr sein. So läuft dat nicht mehr", und ist so engagiert, dass er ins Ruhrpottlerische verfällt.

Der 29-Jährige ist sich im klaren darüber, dass er eventuell einige Gemeindeglieder mit seinen Ideen "vor den Kopf hauen" wird. Verletzen will er sie nicht, macht klar, daß er sie schätzt, weiß aber, dass Veränderungen notwendig sind, will die Kirche Jugendliche anziehen. "Die alten Lieder, die ich schon im Kindergottesdienst gesungen habe, die gehen nicht mehr," hat er längst erkannt und zählt Lieder und Gruppen auf - Populärmusik - die Jugendliche gern hören, oft ohne von ihrem christlichen Inhalt zunächst zu wissen.

Mit Kirche lange Zeit nichts am Hut

Vielleicht versteht Dornhardt Jugendliche deshalb so gut, weil er selbst nicht unbedingt seine Kindergottesdienst- und Konfirmandenzeit genossen hat. "Ich hab mit Kirche damals nie was am Hut gehabtJanosch, der Labrador-Viszla-Rüde von Sascha Dornhardt mußte in Deutschland bleiben, als Herrchen nach Melbourne zog und fand sie langweilig", lacht er. Bis ihm lange nach der Konfirmation seine Pastorin auf der Straße begegnete und fragte, ob er nicht Lust habe, mit dem Nachwuchs etwas zu machen. Hatte er und machte Kinderzirkus - ohne jeglichen kirchlichen Bezug, aber mit mehr und mehr Gefühl für die Gemeinschaft, die sich daraus entwickelte. Mit dem Gemeinschaftsgefühl kam dann der Glaube.

Und der führte den gelernten Verwaltungsfachangestellen ("Mein Opa hatte gedacht, ich werde eines Tages Bürgermeister") aus der Stadtverwaltung an die Bochumer Uni und jetzt nach Melbourne. Zwar ohne den geliebten Labrador-Viszla-Rüden Janosch - so benannt, da er ein ungarischer Rescuedog ist. Dafür mit Freundin Leonie, die der Diakon, so betont er, nicht einfach "mitgeschleppt" hat. "Sie hat schon mit entschieden und ein klares "Ja, wir geben dem eine Chance" gesagt," erzählt er.  Momentan ist die Sozialpädagogin übrigens diejenige, die die Führung übernimmt, wenn das Paar Melbourne erkundet. "Sie hat den Kopf freier als ich, und ich laufe ihr einfach hinter her, wenn wir unterwegs sind," schmunzelt Dornhardt. 

Ziel: Jugendliche Leader ausbilden

Frisch in Melbourne ankommen: Sascha Dornhardt und seine Freundin Leonie, die ursprünglich aus Bochum kommen

Die Führung zu übernehmen, wünscht er sich übrigens auch von den Jugendlichen in seiner neuen, deutschen Gemeinde in Melbourne. "Ich möchte Ideen mit ihnen entwickeln, aber auch, dass sie eigene Dinge hervorbringen, und ich eher Teamplayer sein kann." Das Jugendliche selbst "Leader" im Jugendbereich sind, ist ihm wichtig und einer von Dornhardts vielen Plänen für die nächsten zwei Jahre, für die er (im Foto mit Freundin Leonie) sich zunächst in Melbourne verpflichtet hat. 

Text und Foto 1: Claudia Löber-Raab,  Fotos: Courtesy of Sascha Dornhardt