Susanne Entschel: Gelungener Sprung von Magdeburg nach Melbourne

Von Halle nach Melbourne: Die Deutsche in Melbourne Susanne Entschel

Gestern noch in Magdeburg, heute in Melbourne: In den nächsten zwölf Monaten wird Susanne Entschel vielen Deutschen in Melbourne vertraut sein. Die 29-jährige Deutsche soll sich ab jetzt besonders um deutsche Jugendliche und Senioren in Melbourne kümmern. Wir stellen sie vor.

Nach Examensstress, entspannt in Melbourne

Wenn Susanne Entschel an ihrem Mocca im trendy Mocha Jo´s Café im Melbourner Stadtteil Glen Waverley nippt und von den mega-ereignissreichen Wochen, die hinter ihr liegen, erzählt, scheint sie es fast selbstNeue in Melbourne: Susanne Entschel bei ihrer Ordination in Wittenberg mit ihrer Schwester Sabine kaum glauben zu können, was sie alles in Deutschland mit Bravour geschafft hat, kurz bevor sie in Melbourne gelandet ist: die Klausuren und mündlichen Prüfungen am Ende ihres Vikariats in ihrer Gemeinde am Rande von Magdeburg, das sie 2014 nach ihrem Theologie-Examen und -Studium in Halle und Hamburg antrat. Ihr intensives Gespräch mit der Bischöfin, während dem sie noch einmal ganz indiviuell prüfte, ob sie tatsächlich ein Pfarramt antreten sollte. Am 30. April dann ihre Ordination an einem höchst historischen Ort: Das Recht der sogenannten öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung erhalten in der Stadtkirche zu Wittenberg - der Kirche in der auch Martin Luther, Begründer der evangelischen Kirche, gepredigt hat.

Zwischendurch stand für Susanne das Kofferpacken, die Auflösung der Wohnung und das Verabschieden von Familie und Freunden an. Denn während ihre Kollegen und Kolleginnen sogleich Stellen in neuen Gemeinde antraten, ging es für sie nur fünf Tage nach der Ordination erst einmal zum Flughafen. Reiseziel: Melbourne, Australien. Hier wird nun für die nächsten zwölf Monate ihr Zuhause und Arbeitsplatz sein. Drei Arbeitsplätze genauer gesagt, denn die Pfarrerin wird sowohl Aufgaben in der deutschen evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitsgemeinde in East Melbourne übernehmen als auch in deren Schwestergemeinde, der deutschen evangelisch-lutherischen Johannesgemeinde in Springvale, sowie im deutschen Seniorenheim, dem mit den deutschen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden verbundene Martin-Luther-Heim in Boronia. 

Freundliches "How are you?" noch gewöhnungsbedürftig

Noch muß sie sich an freundlich-herzliche, australische Begrüßungen und strahlende "How are you"-Fragen gewöhnen. "Ich glaube, ich wirke hier recht unfreundlich. In Sachsen-Anhalt muss man ja das 17 Susanne 06Herz erst entdecken," lacht sie und fügt schnell hinzu: "Es ist aber da!" Auch sich nicht die Hand zu geben beim Hallo sagen und das Autofahren, findet die 29-Jährige noch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber ansonsten hat sie schon jetzt die Stadt und die Offenheit ihrer Bewohner ins Herz geschlossen. Die Eingewöhnung wird ihr sicherlich nicht schwer fallen, zumal Australien nicht Susannes erster "Auslandseinsatz" ist. Die geborene Hallenerin hat von 2010 bis 2011 bereits acht Monate in Jerusalem gelebt und studiert.

"Jerusalem ist ein Ort, an dem alles auf einander prallt. Lauter Gegensätze", erinnert sich die 29-Jährige noch immer begeistert. "Arabische Händler, die auf Märkten Gewürze verkaufen. Orthodoxe Juden, die auf dem Weg zur Klagemauer an dir vorbei eilen. Touristen aus aller Welt, die ihre Kreuze vor sich tragen. Moscheen, die wir besuchen durften und orthodoxe Christen," zählt Susanne auf, die damals in einem Gästehaus der Benediktiner gelebt hat, sodass sie auch mit der Routine der Katholiken und Abläufen eines katholischen Gottesdienstes gut vertraut wurde. "Hier habe ich die Bandbreite des Christentums kennengelernt und mußte mich auch definieren und fragen, wo bin ich, was macht mich und meinen Glauben aus." Später, während einer Studientour durch China, gewann sie ebenfalls Einblicke in fernöstliche Religionen und sah, wie aktive Christen dort ihren Glauben praktizierten.

Schon früh gewußt, Glaube ist ihr wichtig

Der eigene Glauben, so Susanne Entschel, sei ihr schon früh wichtig gewesen. "Wir sind oft auf Familienfreizeiten gefahren. Ich war ein klassisches Kindergottesdienstkind," lacht sie. Irgendwann wollte sie allerdings eher bei den "Großen" sein und erfahren, was diese diskutierten. Damals sei sie zehn gewesen. Beim CVJM - dem Christlichen Verein Junger Menschen - begann sie, als Teenager als Betreuerin mitzuarbeiten."Es war immer so ein bißchen "Ich werf Dich mal ins kalte Wasser". Kannst Du mal eine Andacht halten? Mir ist soviel zugetraut worden schon in jungen Jahren," erinnert sichDie neue deutsche Pfarrerin Susanne Entschel in Melbourne die Hallerin. Das habe einen so nachhaltigen Eindruck in ihr hinterlassen, dass sie sich seitdem selbst immer wieder frage: "Wo kann ich Kinder und Jugendliche ermutigen, sich selbst etwas zu zutrauen?"

Als es  dann in der 11. Klasse um die Berufswahl geht, ist zwar auch eine Dolmetscherkarriere angedacht. Doch letztlich entscheidet sich Susanne dafür, Pfarrerin zu werden. Nur: Was braucht man dafür? "Das war schon spannend," erzählt sie fröhlich. "Ich komme aus keiner Pfarrfamilie. Ich habe erst einmal unseren Pfarrer gefragt, ob ich mal für zwei Wochen mit ihm mitlaufen kann, damit ich weiß, was auf mich zukommt." Dann ging´s ans Einholen von Informationen übers Studium. Diese führten dann zur Immatrikulation an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg und unter anderem zum intensiven Pauken von Grammatik und Vokabeln in Griechisch, Latein und Hebräisch. Von dort über mehrere Theologie-Semester in Hamburg und einem mehrmonatigen Intermezzo in einem christlichen Hostel in der Nähe von London nach Magdeburg und Melbourne. 

Wichtig: Arbeit mit Jugendlichen und Senioren

Deutsche in Melbourne Susanne Entschel bei einer Trauung

Neben der Jugend- und Öffentlichkeitsarbeit wird hier ein wichtiger Teil von Susannes Arbeit vor allem die Arbeit mit Senioren und Seniorinnen der deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinden in Melbourne sein. Wer Melbourne kennt, der weiß, wie weit die Wege sind. Obwohl die Dreifaltigkeitskirche zentral in der Stadt gelegen ist, kann es besonders für ältere Gemeindeglieder schwer sein, sie zu erreichen. Susanne Entschel: "Wir würden ihnen gern vermitteln: Ihr seid ein Teil von uns. Wir haben euch im Blick." Die Gemeinde will ein Outreach-Programm erstellen, das Susanne mit ihr erarbeiten wird.

Auch wird Susanne Senioren und Seniorinnen im Martin-Luther-Heim verstärkt Besuche abstatten. Den ersten hat sie bereits hinter sich und ihn sehr genossen, besonders die Lebensgeschichten, die ihr erzählt wurden. "Es ist leicht zu denken, mit 80 Jahren und aufwärts, wenn es einem vielleicht körperlich nicht mehr so gut geht, dass man nichts mehr geben kann. Aber man kann andere noch so sehr bereichern. Im Alter hat man auf seine Weise viel zu geben. Es mag sich klein anfühlen, aber es ist so wertvoll."

Und deshalb gilt für sie auch in der Seniorenarbeit, was sie bereits in ihrer Arbeit mit Jugendlichen weitergegeben hat: "Wenn man Pfarrer ist, besteht die Gefahr, dass man auf einem Sockel steht und angesehen wird als jemand, der sagt, wo es lang geht. Aber jeder hat Gaben, die er einbringen kann. Ich möchte ermutigen, zu sagen: Ich traue mir etwas zu. Ich bin einmalig. Ich habe etwas zu geben. Im Christentum sind wir keine Einzelkämpfer. Wir wirken alle zusammen."

Susanne Entschel ist übrigens die erste offizielle Pfarrerin in den deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinden Melbournes. In der australischen lutherischen Kirche ist die Ordination von Frauen zu Pfarrerinnen noch nicht zugelassen. Seit dem 13. Dezember 1963 ist dies in Deutschland möglich.

Susanne Entschel wird am morgigen Sonntag, 4. Juni, während des Gottesdienst um 11 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche am Parliament Square in East Melbourne gemeinsam mit dem neuen Jugendarbeiter und Mitgliedern im Gemeinderat in ihren Dienst eingeführt.

Text und Foto 1: Claudia Löber-Raab,  Foto No 5: Courtesy of Elisa Sowieja-Stoffregen, alle anderen Fotos: Courtesy of Susanne Entschel