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Kunst-Erlebnis pur! "The Mad Square: Modernity in German Art 1910 - 1937", neue Ausstellung der National Gallery of Victoria (NGV) an der St. Kilda Road, bringt sie direkt zu uns nach Melbourne: Dada, Bauhaus, Neue Sachlichkeit, Konstruktivismus, Expressionismus und Metropolis - prägende deutsche Kunstbewegungen, entstanden zu einer der aufregendsten und innovativsten Ären Deutschlands. Kunst kurz bevor, während und nach der Weimarer Republik, die mit den Nazis ihr Ende fand.
Claudia Raab hat sich die ausgezeichnete Ausstellung angesehen, die bis März 2012 gezeigt wird. Lesen Sie, warum diese Ausstellung sogar die beiden Winter Masterpiece-Ausstellungen 2011 und 2010 übertreffen kann.
"The Mad Square" - Teil einer NGV-Trilogie
Sie sei Teil einer Trilogie, erklärte Dr. Gerard Vaughan, Direktor der National Gallery of Victoria, während des Media Previews der neuesten NGV Sonderausstellung "The Mad Square: Modernity in German Art 1910 - 1937". Der letzte Part also in einer Reihe, deren erster und zweiter Bestandteil die erfolgreichen Winter-Ausstellungen "European Masters: Städel Museum Frankfurt 19th - 20th Century" 2010 sowie "Vienna - Art & Design" 2011 waren.
So wie "The Mad Square" gestaltet ist, könnte diese Ausstellung sogar den alles überstrahlenden Schlußpunkt setzen. Gewiß, "The Mad Square" kann nicht aufwarten mit Ikonen wie etwa Tischbeins "Goethe in der Campagne". Im vergangenen Jahr gelang es NGV-Kurator Dr. Ted Gott nach langwierigen Verhandlungen tatsächlich das berühmte Gemälde, eine Art deutsches Nationalheiligtum, von Frankfurt nach Australien zu holen. Das Resultat: Zahlreiche Deutsche pilgerten in die NGV, allein um es zu sehen. Auch fehlen "The Mad Square" Magneten wie Vincent van Gogh, Edgar Degas, Claude Monet, Egon Schiele und Gustav Klimt, die ein breites Publikum anziehen.
NGV-Direktor Gerard Vaughan: "Art that is not that familiar and can be quite disturbing"
Doch auch wenn Namen wie Kurt Schwitters, George Grosz, John Heartfield sowie Christian Schad Liebhabern der deutschen Moderne bekannt sind und sie zu "The Mad Square" ziehen werden - allgemein gesehen konfrontiert die NGV mit "The Mad Square" ihr Publikum mit Kunst aus Deutschland, "that is not that familiar and can be quite disturbing", wie Vaughan es vorsichtig ausdrückte. Mit anderen Worten: Eine Ästhetik Degas und Klimts weicht dem "Blood, Sweat and Tears"-Ansatz eines Otto Dix oder einer Käthe Kollwitz, einer offenen, aggressiven Sexualität eines Rudolf Schlichters. (Foto links (Ausschnitt): Rudolf Schlichter, German 1890 - 1955, Tingel Tangel 1919-1920, watercolour, 53 x 45.5, private collection, Rudolf Schlichter Estate, courtesy Galerie Alvensleben, München)
Doch was Galerie-Besucher hoffentlich zu Scharen zur der neuen NGV-Ausstellung zieht, ist die Tatsache, dass es der hauptverantwortlichen Kuratorin Dr. Jacqueline Strecker von der Art Gallery of New South Wales, gemeinsam mit Kolleginnen Dr. Petra Kayser und Maggie Finch (beide NGV) gelungen ist, ein faszinierendes, lebhaftes Gesamtbild zu entwerfen. Ein Gesamtbild der verschiedensten Kunstbewegungen innerhalb Deutschlands, entstanden in einem Schaffenszeitraum von nur 27 Jahren, zu einer Zeit extremster und turbulentester sozialer, wirtschaftlicher und vor allem politischer Wandlungen. Dermaßen modern und innovativ waren diese Kunstbewegungen, dass sie Berlin zwei Jahrzehnte lang Anziehungspunkt für etliche internationale Avantgarde-Künstler werden ließ und die internationale Kunstszene wie kaum zuvor befruchteten und nachhaltig beeinflussten.
Kunst läßt Geschichte greifbar werden - besser als jeder Unterricht
Die rund 220 Exponate, die erstaunlicherweise zur Hälfte aus australischen Sammlungen stammen, zur Hälfte Leihgaben von deutschen und internationalen Museen sind, spiegeln ein frappierend klares Bild Deutschlands wider zwischen 1910 und 1937. Klarer als es je eine Ausstellung erzeugt, die sich nur auf einen Künstler oder eine Kunstrichtung der Zeit spezialisiert. Und genau das macht ihre Brillanz aus. Jacqueline Strecker nimmt Betrachter und Betrachterinnen nicht nur mit, wie sie es beabsichtigt hat "on an emotional journey through an extraordinary moment in German art." Sie schickt sie zugleich auf eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit kurz vor, während und nach der Weimarer Republik. Eine Reise, auf der die Geschichte Deutschlands anhand von Kunstwerken anschaulicher und greifbarer erfaßt werden kann, als jemals im herkömmlichen Schulunterricht oder trockenen Geschichtsbüchern.
Politische und soziale Unruhen, unbändiger Schaffensdrang
1910 bis 1937 - so machen die Exponate deutlich - ist eine Zeit, in der in Deutschland ein historisches Ereignis das andere jagt: Der Erste Weltkrieg (1914-1918), die Novemberrevolution und der Sturz des Kaisers (1918), die Gründung der Weimarer Republik, die Einführung des Wahlrechts für Frauen, der Spartakus-Aufstand mit der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts (1919), die Große Inflation (1923), das Stärkerwerden der Nationalsozialisten, deren Machtergreifung (1933).
Es ist die Zeit großer Hoffnung, bitterer Enttäuschung, der grauenhaften Nachwirkungen des Krieges, in dem erstmals massenzerstörende Waffen eingesetzt werden, die Zeit des Untergangs, der Angst, der Verunsicherung, des Einsetzen der Moderne, der Technologie, der Innovation. Die Zeit, in der Wissenschaflter in Deutschland wie Albert Einstein, Max Planck und Max Born die internationale Wissenschaft mit ihrer Forschung revolutionieren und innerhalb von 14 Jahren 15 Nobelpreise nach Deutschland wandern.
Die Zeit der Industrialisierung, der Urbanisierung, der Kreativität. Neben Hollywood besitzt Deutschland eine der produktivsten und erfolgreichsten Filmwerkstätten. Deutschlands Verlage veröffentlichen 1927 mehr als 7000 Publikationen, 38.000 Bücher. Es ist die Zeit von Thomas Mann, Bert Brecht und Kurt Weill. Und die Zeit eines weiteren bitteren Endes, des Verbots, des Exils, hervorgerufen durch die Nazis.
Künstler im Krieg: Dem Enthusiasmus folgt das Grauen
All dies wird deutlich, ist man die an die Wand gemalte Zeitlinie entlang geschritten, die zum Eingang der NGV-Ausstellung führt und historische Daten in Erinnerung ruft. 1914 beispielsweise, das Jahr, in dem Künstler wie George Grosz, Otto Dix, Oskar Schlemmer oder Ernst Ludwig Kirchner sich freiwillig an die Front melden, voller Hoffnung, dass mit dem Krieg die kulturelle Erneuerung gewonnen werde. Doch statt Sieg setzt für Künstler die Ernüchterung, das Grauen ein, das dem Betrachter sogleich entgegen schlägt in Form von Dix' konfrontierenden Zeichnungen von Überlebenden des Krieges.
Hier setzt es ein, das emotional Schwere, das "disturbing" Element von dem Gerard Vaughan sprach. In der Kunst dieser Epoche gibt keine Tabus, keine Scheu vor Häßlichkeit, Verstümmlung, Verbrechen, Sex. Doch ist man noch aufgewühlt von den ersten Exemplaren plakativer Posterkunst mit warnenden politischen Parolen von sozial engagierten Künstlern wie Max Pechstein, Käthe Kollwitz und Cesar Klein, so wird einem schon leichter, wenn man Station macht bei den Künstlern des Dadaismus. Wie die späten Expressionisten, die statt Leinwand gedruckte Plakate einsetzten, um mit Massen zu kommunizieren, machten sich die Dadaisten einhergehend mit der fortschreitenden Technologisierung Deutschlands die Photomontage und das Massenmedium Zeitschrift als Kunststile zu eigen. Und das liegt nicht nur an den Exponaten, sondern auch am - wieder einmal - großzügigen Arrangieren der Ausstellungsstücke in den weiten, offenen Räumen der NGV. Die Konsequenz: Der Besucher kann stets sowohl physisch als auch psychisch Abstand zum Kunstwerk halten - wenn er will.
Etliche sehenswerte Höhepunkte: Hannah Höch, Bauhaus, Metropolis
Höhepunkte gibt es viele in der diesjährigen Sommer-Ausstellung der NGV. Werke der weniger bekannten deutschen Dada-Künstlerin Hannah Höch beispielsweise, der in "Mad Square" erfreulicherweise besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zum einen, weil Höch in ihren provokanten, auffälligen Kollagen die wechselnde Rolle der Frau in der Weimarer Republik aufarbeitete, zum anderen weil sie selbst zur neuen Generation der finanziell unabhängigen Frau gehörte, die sich befreite von den häuslichen Aufgaben und Erwartungen an sie, und doch gefangen bleibt in ihnen - ihre Schwangerschaften ließ sie terminieren, da ihr Geliebter ihren Wunsch nach Kindern nicht unterstützte.
Und wer liebt nicht den schlichten Pragmatismus, die zeitlose Ästhetik des Bauhaus-Stils, dessen prägnante Möbel, gewebte Textilien sowie bestechende Gebrauchsgegenstände die NGV einen gesamten Raum gewidmet hat? Bestechend sind auch August Sanders Photografien von Menschen der 20er Jahre als Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit sowie, stellvertretend für den damaligen Zeitgeist, die UFA Filmplakate für Metropolis von Heinz Schulz-Neudamm sowie Werner Graul. Einzig drei weitere sind von ihnen erhalten, die beiden in Melbourne äußerst effektvoll auf dunklem Hintergrund von weitem sichtbar gehängt. Nicht zu vergessen: Filmszenen mit einer betörenden Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs Klassiker "Der Blaue Engel" aus dem Jahr 1930 flimmern über die Wände der Melbourner NGV. (Foto links: Karl Grill, German active at the Bauhus 1920-29, (Spiral costume, from the "Triadic ballet"), c. 1926-27 gelatin silver photograph, 22.5 x 16.2 cm, J Paul Getty Museum, Los Angeles, Photo: The J Paul Getty Museum, Los Angeles, The artist`s estate)
Am Ende: der Schock, der Exit, das Aus
Umso größer ist nach diesen frivolen, leicht-lebigen Szenen der Schock, der sich dem "Mad Square" Besucher auf der letzten Station seiner Zeitreise, offenbart: Provozierende, anklagende Photomontagen von John Heartfield, die vor üblen Machenschaften der Nazis warnen. Kunstwerke von Emil Nolde, Franz Marc und Max Beckmann, die unter den Nationalsozialisten als "Entartete Kunst" galten - das Ende der Ausstellung signalisiert zugleich das Ende der großen Schaffenskraft der deutschen Moderne, das Aus! Was bleibt ist der Exit - der Kunst, der Künstler, des Besuchers. Einzig Letzterer kann wiederkehren. Einzigartig! Empfehlenswert!
"The Mad Square: Modernity in German Art 1910-37", National Gallery of Victoria, St. Kilda Road, noch bis Sonntag, 4. März 2012
Öffnungszeiten: Täglich von 10 bis 17 Uhr, geschlossen dienstags
Eintritt: Erwachsene $ 18, Ermäßigung $12, Kinder (5-12) $ 9, Familie (2 Erwachsene, 3 Kinder $45), Studenten (jeden Donnerstag) $ 10, NGV Member Erwachsene $ 9.
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