| Nach Berlin, jetzt Melbourne: Rimini Protokoll ersetzt Statistik mit Menschen |
|
|
|
| Geschrieben von: Claudia Raab |
| Freitag, den 04. Mai 2012 um 11:26 Uhr |
|
In Melbourne bringen Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel heute und morgen 100 Melbourner, die die Demographie ihrer Stadt repräsentieren, auf die Bühne der Townhall. Nach 100% Berlin, 100% Köln, 100% Wien und 100% Vancouver inszenieren sie das Real-Theater-Stück "100% Melbourne", unterstützt vom Goethe-Institut. Claudia Raab hat für Deutsche in Melbourne mit "Rimini Protokoll" über das Melbourne-Projekt, seine Besonderheiten und Tücken gesprochen. Proben, proben, proben: 100% Melbourne fordert volle KonzentrationHelgard Haug (im Foto rechts) bleibt scheinbar ruhig. Nahezu bewegungslos sitzt sie an ihrem Laptop in Melbournes Stadthalle. Konzentriert steuert sie die Prompts, die Mit ruhiger Stimme mahnt Haug zum wiederholten Male die Protagonisten - keiner von ihnen professioneller Schauspieler - nicht während der Aufführung zu tuscheln. Fast statisch kündigt sie beharrlich das erneute Proben vorhergehender Szenen an, die wieder nicht perfekt waren, und erklärt geduldig noch einmal, wie und auch warum diese, so und nicht anders vonstatten gehen soll. Kaegis Feedback für die Darsteller: "That was good, but ..."
Zack, da ist es schon. Gut, aber nicht gut genug: Grenzen zwischen Gruppen, die sich auf der Bühne bilden sollen, seien zu verwischt. Eindeutig, will sie Kaegi haben und fügt dann gleich hinzu: Es müsse wirklich weiter geübt werden, auch wenn die Probe schon längst beendet sein sollte. Augenbrauen heben sich, Stirnen werden gerunzelt. "Easy, easy", raunt ein Darsteller. Es ist nach 21 Uhr, die meisten Mitwirkenden, vom Kind zum Senioren, haben einen langen Arbeits- und Alltag hinter sich. Kollidiert hier schweizerisch-deutscher Perfektionismus mit einer australischen "She´ll be alright"-Mentalität? Kaegi gewährt fünf Minuten Pause. Ehe man sich´s versieht, ist die Bühne leer bis auf drei, vier Menschen, die geblieben sind. Mitwirkende nach dem Schneeball-Prinzip gefundenEiner davon ist Anton Griffith (im Foto links). Mit ihm, dem Mitarbeiter der Stadt Melbourne, der Census-Daten auswertet, hat "100 % Melbourne" eigentlich Alles startet mit einer Person, die ausgesucht wird, einen bestimmten Teil der Bevölkerung einer Stadt zu repräsentieren, hinsichtlich fünf Gesichtspunkten: Geschlecht, Alter, Geburtsland, Wohnort und Familienzusammensetzung. Diese Person schlägt innerhalb 24 Stunden einen weiteren Mitwirkenden aus seinem Bekanntenkreis vor, so lange bis 100 Menschen zusammengekommen sind. Rimini-Protokoll inszeniert Bevölkerung Melbournes
Einige der Fragen sind nicht ohne: "Waren Sie jemals im Gefängnis?", "Sind Sie schon schwarz gefahren?", "Betrügen Sie ihren Partner?" sind nur einige von ihnen. Anton Griffith gibt zu, dass er genauer überlegt hätte, ob er bei dem Projekt mitmacht, hätte er die Fragen vorher gewußt. Sein Freund Michael Bainbridge (im Foto oben rechts mit Anton Griffith), Nummer 2 von 100, hat mit ihnen weniger Probleme: "You don´t have to tell the truth. It´s up to you what you let the audience know." "Would you kill for your family?" in Melbourne bisher einzigartig eindeutig beantwortet"Jeder soll sich mit der Wahrheit abbilden, mit der er sich repräsentieren will", so sieht es auch Stefan Kaegi. Einige der Fragen, die gestellt werden, sind Überraschend für das Rimini Protokoll war übrigens, dass auf die Frage: "Would you kill for your family" einzig in Melbourne ein 100 prozentiges Ja erzielt wurde. "Das hatten wir noch nie", meint Wetzel und ergänzt, dass selbst Darsteller, die ohne Vater und Mutter aufgewachsen sind, mit "Ja" gestimmt hätten. Ein Thema, das in der Stadt Melbourne viele berührt: KriegAuffällig findet das Trio, das sich während der Studienzeit im hessischen Gießen kennenlernte und im vergangenen Jahr mit dem renommierten Preis des Silbernen Löwens während der Biennale in Venedig ausgezeichnet wurde, dass das Thema Krieg die 100 Protagonisten in Melbourne stark berührt. Der Grund dafür, so vermutet es, liegt darin, dass viele Australier aus Kriegsgebieten stammen und hier eine neue Heimat gefunden hätten.
Nächste Station des Rimini Protokoll: 100% Peking und 100% JerusalemBeeindruckt ist das Rimini Protokoll von der Zusammenarbeit mit der Stadt Melbourne, die 2008 zum ersten Mal Kontakt mit ihm aufnahmen. Sie sei "total der Traum", meint Wetzel. Apropos Traum - nach Melbourne, welche Stadt steht noch auf der 100% Liste des Rimini-Protokolls? Haug läßt mit der Antwort nicht lang warten: "Laos, Jerusalem, Peking". Letzteres steht im deutschen Herbst wieder auf der Liste, nachdem der erste Versuch im vergangenen Jahr kurz vor der Umsetzung fehl schlug. DiM-Fazit: Wir brauchen mehr 100% des Rimini Protokolls
|