|
Zu Tausenden sieht man die meist farbenprächtigen Werke in Melbournes Innenstadt. Seit Jahren sind sie beliebtes Foto-Objekt zahlreicher Touristen: Graffiti. Für viele der Inbegriff von Bildern und Schriftzügen, die mit Spraydosen auf Häuserwände gesprüht sind. Von wegen! Geführte Touren in Melbourne, einer Stadt, die als Street Art Hauptstadt gilt, überzeugen vom Gegenteil.
Für Deutsche in Melbourne hat sich Jessica Meiner einer solchen Tour durch schmale Gassen und versteckte Hinterhöfe in Melbournes Innenstadt angeschlossen und verrät, warum das Spraydosen-Image der Graffiti längst überholt ist.
Straßenkunst präsentiert von Street Art Künstlern
Die Sonne brutzelt auf der Haut an diesem strahlenden Herbstnachmittag. Melbournians und Touristen tummeln sich auf dem Federation Square und warten auf Freunde, surfen im Internet oder applaudieren dem Straßenkünstler, der auf einer Leiter balanciert und dabei Feuer spuckt. Auf einer Treppenstufe sitzt Michael und wartet auf die kunstbegeisterten Teilnehmer seiner heutigen Street Art Tour.
Der Tourguide ist selbst Künstler und hat mehrere Jahre in London gelebt. Auch einige seiner Werke werden in den kommenden dreieinhalb Stunden zu sehen sein, kündigt er an. „If they are still there“, schmunzelt Michael und will noch nicht genau verraten, was er damit meint.
Schon wenige Meter vom Startpunkt entfernt: der erste Stopp. In den Studios der National Gallery of Victoria (NGV) neben dem Kids Corner ist gerade ein 20 Meter langes Graffiti der SDM-Crew zu bewundern, einer Gruppe von Street-Art-Künstlern, die im Wettbewerb mit anderen darum kämpft, ab Juli eine Ausstellung in den Studios zu eröffnen.
Berliner Kunst in der Hosier Lane
In unmittelbarer Nähe zur NGV liegt die berühmteste Straße in der Melbourner Street-Art-Szene – die Hosier Lane. „All the street artists started here“, erzählt Michael. Die Gasse wird von Künstlern und Geschäften verwaltet, die Genehmigungen an diejenigen vergeben, die sich hier künstlerisch ausleben wollen. Von der Flinders Street kommend, lenkt der Capi-Träger die Aufmerksamkeit linkerhand sofort auf eine wandfüllende Abstraktion. In der unteren Ecke steht der Name des Künstlers. „Mimo is from Berlin“ sagt Michael zwinkernd und erzählt, dass Mimo 2010 Melbourne besucht hat und es sich nicht nehmen ließ, ein Teil der bunten Straßenkunst-Szene zu werden.
Nicht weit entfernt vom Werk des Deutschen balanciert Artist Shilda gerade auf einer Leiter, um seinem neuesten, fünf Meter hohen Bild den letzten Schliff zu verpassen. Farbeimer versammeln sich unter ihm, denn Shilda nutzt für seine Bilder keine Spraydosen, sondern Wandfarbe. Unzählige seiner grafischen Designs könne man in der Stadt bewundern, verspricht er stolz.
Graffiti-Themen von Ned Kelly bis zur Matroschka
Die Hosier Lane bietet unzählige Bilder und Schriftzüge in den unterschiedlichsten Größen und Farben, die die Teilnehmer mit ihren Digitalkameras festhalten. Im Sekundentakt blitzt und klickt es. Es ist zwar kein Kunstmuseum im klassischen Sinne, aber unter freiem Himmel und mitten in den Straßen der Hauptstadt Victorias. Wie man es aus Galerien und Ausstellungen kennt, macht auch Michael als Guide auf Besonderheiten ausgewählter Künstler und Werke aufmerksam.
Vögel, Blumen, Bäume, Matroschkas, Fantasiewesen, Portraits von Persönlichkeiten wie Ned Kelly oder völlig abstrakte Werken - die Straßenkunst ist so vielfältig wie die Menschen, die sie erschaffen. Egal ob schwarzweiß oder kunterbunt, mindestens alle zwei Tage verschwinden hier alte und kommen neue Werke hinzu. „Free speech“, nennt es Michael, wenn er und andere Kunstschöpfer Themen des alltäglichen Lebens, Naturkatastrophen oder Religion künstlerisch verarbeiten und damit ihre Meinung ausdrücken. Der Künstler Phoenix zum Beispiel ist bekannt für seine politisch motivierten Werke.
Nächste Station der Street Art Tour ist die AC/DC Lane, in der besonders die kleinen Dosen-Figuren auffallen, die überall an Wände geheftet sind. Der Name des Künstlers lautet Junky Project und sein Beitrag zur Straßenkunst entsteht durch so genanntes "upcycling". Aus alten Materialien wie Dosen, Bierdeckeln oder Gummibändern kreiert er Figuren und verteilt sie in der Stadt.
Genehmigungen gibt's per Telefon
Belebte Straßen und schmale Passagen entlang geht es zum Centre Place, mit ihren aneinander gereihten Cafés und Restaurants eine der wohl meist fotografierten Passagen der Innenstadt. Hier gab es die ersten „City Lights“-Projekte der Stadt, rechteckige Lichtboxen, auf deren Frontseite ein Street Art Werk erleuchtete. Heute sind sie in diesem Straßenabschnitt mit Aufklebern übersät und liegen still, während dagegen in der Hosier Lane neue „City Lights“ Abend um Abend zum Leben erwachen.
"The good thing in Melbourne is, that you can find so many places where nobody cares about graffiti", so Michael. "There are 15 or 16 streets, where you can spray legally" fügt er hinzu. So auch in der Union Lane, in der die angegebene Telefonnummer eine Genehmigung für die Kunstaktion verspricht.
Die versteckten Schätze der Straßenkunst
Auch verwinkelte Gassen abseits der modernen Großstadtbars sind Teil der Route. Ob neu in der Stadt oder schon seit einigen Jahren in Melbourne - hier entdeckt sicher jeder das eine oder andere stylische Insider-Café, das er noch nicht kennt. Doch einige der Lokale gibt es auch nicht mehr, bedauert Michael. Dort, wo es noch vor wenigen Jahren leckeren Kaffee gab und Straßenkünstler einen Ort zum Austoben hatten, sind die Türen heute verriegelt. In der Caledonian Lane beispielsweise erinnern hinter den riesigen Neubauten nur noch die vielen Graffiti an das einst bunte Treiben, wo heute stinkende Mülltonnen stehen.
Doch hier verstecken sie sich, die Schätze der Straßenkunst. Besonderes Highlight sind die Werke der Künstlerin Urban Cakelady, die weder Pinsel noch Spraydose nutzt. Ihr Markenzeichen ist ein Mädchen in roter Jacke und blau-weiß gestreifter Leggins. Am Computer oder per Hand gezeichnet, klebt sie ihre Arbeiten wie Poster auf die Wände. Mit feinster Linienführung und viele Details stechen außerdem die Zeichnungen eines unbekannten Künstlers in einem Hinterhof der Stevenson Lane heraus.
Jede Straße hat ihren eigenen Stil
Jede Straße besticht während der Tour durch ihren eigenen Stil an Graffitis, finden sich am Payness Place in Chinatown beispielsweise eher die technischen wirkenden, überdimensional großen Werke aus der Spraydose. Studenten, Schüler, Eltern, Businessleute und auch Ärzte – Tourguide Michael weiß, in jeder Branche gibt es Künstler, die in den Straßen Melbourne ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Aber nur wenige können damit auch Geld verdienen. In Australien ist es noch nicht sehr verbreitet, Graffiti als Werbung zu nutzen. Daher gehen viele Künstler in die USA oder nach Europa, weil dort die lukrative Jobs warten. Andere gründen ein Studio, um gemeinsam an ihren Werken zu arbeiten und Ausstellungen zu planen. So führt auch Tourguide Michael seine Gruppe in die Hallen, in denen er mit 17 weiteren Künstlern zusammenarbeitet. Bei kleinen Snacks, Bier und Wein erhalten die Teilnehmer so am Ende der Tour in den Blender Studios noch einen Einblick in das Alltagsgeschäft der kreativen Köpfe. Hier landen die Bilder nicht auf kaltem Stein, sondern auf Papier und Stoff und sollen über die Straßen Melbournes hinaus für Staunen und Bewunderung sorgen.
Fazit: Die Street Art Tour begeistert durch die vielen kleinen Details. Vorbei an stylischen Cafés und Bars, die nach der Tour auf einen Drink einladen, lernt man vor allem die Vielfältigkeit der Graffiti-Kunst kennen und lieben. Trotz langem Fußmarsch ein sehr gelungener und abwechslungsreicher Nachmittag.
Die Melbourne Street Art Tours können dienstags, donnerstags und samstags jeweils von 13.30 bis 17 Uhr mitgemacht werden. Buchen können Sie telefonisch unter 03 9328 5556, 04 1697 1707 oder per E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Kostenfaktor: 69$
|