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Streetart-Hauptstadt Melbourne: unerwartet, ungesehen, unglaublich schön PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lea Borgmann   
Streetart in der Hosier Lane in MelbourneSie sind überall. Leuchtende Farben, schwarz-weiße Zeichnungen. In kleinen Gassen und auf großen Gebäuden. In Fitzroy, im Stadtzentrum und in Carlton. Melbournes Streetart-Szene versucht nicht, sich zu verstecken. Und doch wird sie oft übersehen.

DiM verrät, wo die schönsten Streetart-Kunstwerke in Melbourne zu sehen sind und hat für Sie mit der renommierten Melbourner Streetart-Künstlerin MISO über nächtliche Abenteuer und die Liebe zum Zeichnen gesprochen.

Kunstszene mit internationalem Bekanntheitsgrad

Der kräftige Kaffee schmeckt fantastisch und nach den selbstgemachten Cookies, die man in dem kleine Café in der Flinders Lane serviert bekommt, kann man süchtig werden. Am Tresen auf den Kaffee wartend, passiert es schon wieder. Unerwartet. Streetart! Das Café liegt an der Ecke einer der kleinen Seitengassen, die von der Flinders Lane abgehen. Aus den großen Fenstern ist ein Blick auf die wohl bekannteste Straße in der Melbourner Streetart-Szene zu erhaschen: die Hosier Lane.

Fast jeder berühmte und weniger berühmte Straßenkünstler hat hier schon mal seine Spuren hinterlassen. Riesige bunte Comic-Tiere neben den berühmten und sehr politischen Schablonen-Kunstwerken von Banksy, dem international bekannten britischen Streetart-Künstler. Poster, Aufkleber und Zeichnungen reihen sich aneinander. Über den Stromleitungen baumelt eines der vielen Schuhpaare eines unbekannten Künstlers. Die Hosier Lane ist so etwas wie der "Walk of Fame" der Melbourner Streetart-Szene. Sie eignet sich hervorragend als Einstieg in die Welt der Straßenkunst.

MISO - Eine junge Künstlerin mit HerzblutStreetart MISO Melbourne

Auch eine junge Streetart-Künstlerin hat sich in der Hosier Lane verewigt: MISO. Die 21-Jährige lebt und arbeitet in Melbourne. Ihr Studio liegt in einem wunderschönen alten Haus in der Little Collins Street, und ihre Kunstwerke haben mittlerweile internationale Bekanntheit erlangt: Ausstellungen in London und New York und die Produktion eines Buches über Streetart sind die neuesten Erfolge der gebürtigen Ukrainerin. Einige ihrer Werke wurden vor kurzem von der National Gallery of Victoria gekauft und werden dort ab Ende Oktober 2010 ausgestellt. Eine steile Karriere.

Mit 13 Jahren hatte MISO begonnen, in der damaligen Punk-Szene T-Shirts zu gestalten. Nach Lust und Laune produzierte sie einige der Motive auch als Aufkleber und verteilte sie wild in Melbourner Seitengassen. „Das hat Spaß gemacht, aber die Erfüllung war es nicht. Ich habe ziemlich schnell angefangen, herauszufinden, was ich wirklich machen will. Und das war größer und bedeutender als die Aufkleber-Aktionen", so MISO. Sie habe schon immer gerne und viel gezeichnet und wollte diese Leidenschaft nun mit anderen teilen.

Fotos aus der Ukraine dienen als Vorlage im Melbourner Studio

Streetart Melbourne Hosier Lane

Aus kleinen Aufklebern wurden Zeichnungen, die bald auf Lebensgröße anwuchsen. Es waren fast immer Frauen zu sehen, die sehr an MISOs ukrainische Heimat erinnern: „Die Frauen, die ich zeichne, sind alle real. Ich mache Fotos in der Ukraine und zeichne sie dann in meinem Studio in Melbourne. Oder ich frage Freunde, ob sie mir Modell stehen wollen."

Die Herkunft ihres geheimnisvollen Namens hat die schüchterne Künstlerin nicht verraten. Sie verweigert auch ein Foto von sich. MISO steht nicht gerne im Mittelpunkt. Sie kann auch Ausstellungseröffnungen nicht ausstehen: Alle interessieren sich für sie und stellen Fragen. Sie möchte den Fokus lieber auf ihre Projekte und Artworks lenken.

Nacht-und-Nebel-Aktionen mit Nervenkitzel verbunden

Die Kunst von MISO ist von einer virtuosen Art des Zeichnens und bestimmt von der Interaktion von Zeichnung und Beschaffenheit des Untergrundes, auf den sie die Zeichnungen später klebt. Cut-Outs in den Bildern lassen die darunter liegende Wand durchscheinen und das Bild lebendig wirken. „Ich suche oft erst die Wand, auf der ich etwas machen will, bevor ich die Zeichnung erstelle. Das muss so sein, weil ich Stromkabel und Wasserleitungen in meine Bilder integrieren muss. Große Löcher in den Wänden bedingen zum Beispiel die mögliche Größe meines Bildes. Dann fertige ich die Zeichnung an und klebe das Bild in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an die Wand. Das bereitet mir bis heute Nervenkitzel."

Das 2010 erschienene Buch Street/Studio ermöglicht einen besonderen Blick hinter die Kulissen der australischen Streetart-Szene. In Kooperation mit anderen Künstlern wie Ghostpatrol, Alison Young und Timba hat MISO dieses Buch produziert.

Streetart-Mekka Melbourne: In jedem Viertel gibt es etwas zu sehenStreetart Melbourne Hosier Lane

MISO und viele andere Künstler präsentieren ihre Kunst jedoch nicht nur in der Hosier Lane. In der Melbourner City, dem CBD, sollte der an Straßenkunst Interessierte einen Blick in die Union Lane zwischen Little Collins und Bourke Street werfen. Auch die etwas verschroben wirkende ACDC Lane und der angrenzende Duckboard Place zeigen sehenswerte Bilder der Melbourne Street-Artists.

In Fitzroy gibt es Straßenkunst an nahezu jeder Ecke entlang der Brunswick Street. Das bunte Treiben in den Cafés und Läden bietet die perfekte Kulisse für besondere Artworks. Doch die Straßenbilder sind einfach überall in Melbourne. Es lohnt sich, die Augen bei Streifzügen offen zu halten und nach neuen und alten Bildern und Skulpturen Ausschau zu halten. Meist entdeckt man so die schönsten und verstecktesten Werke.

Das Nicholas Building in der Swanston Street ist einer der zentralen Orte für die kreative Subkultur Melbournes. Auf acht Stockwerken arbeiten Künstler, Designer und Bildhauer in ihren Studios. Einmal im Jahr wird das Haus geöffnet, um allen Interessierten einen Einblick in die spannende Arbeit der oft so versteckten Szene zu gewähren.

Medienkunst unter dem Dach von Experimenta

Eine ganz andere Form der Straßenkunst wird von der australischen Organisation Experimenta gefördert: Medienkunst von australischen Kreativen, die ihre Kunstwerke medial aufbereiten. Im Rahmen der Melbourne Art Fair Anfang August 2010 konnten Besucher drei dieser Künstler mit ihren Präsentationen auf dem Vorplatz des Royal Exhibition Building beobachten. Das übergeordnete Thema war, wie Menschen ihre individuellen Spuren in der heutigen Gesellschaft hinterlassen - bewusst und unbewusst.

Experimenta Melbourne Art Fair Cake IndustriesDie Künstler von Cake Industries haben zum Beispiel LED-Lichter in Papierlampions an Schnüren aufgehängt, die das visuelle Gerüst ihres Kunstwerkes bilden. Die Lichter sind mit einem Sensor verbunden, der elektromagnetische Schwingungen aus der Luft aufnimmt. Er verändert die Farben der LED-Lampen und bestimmt den Rhythmus, in dem sich diese abwechseln. Die elektromagnetischen Schwingungen kommen jedoch nicht von ungefähr: Sie werden von den Handys und Laptops der vorbeigehenden Besucher produziert, ohne dass diese es bemerken. Alle haben also indirekt zum Farbenspiel beigetragen und eine unsichtbare Spur hinterlassen.

Ob mediale Kunst oder Streetart im ursprünglichen Sinn - Melbourne hat viel zu bieten. Die unabhängige Kunstszene Melbournes ist stolz auf die Vielfalt. Es werden geführte Touren von Streetart-Künstlern durch den Gassendschungel angeboten und regelmäßig offene Studio-Tage veranstaltet.