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Melbourne Interessantes Ron Mueck in Melbourne: Künstler australisch, Wurzeln deutsch
Ron Mueck in Melbourne: Künstler australisch, Wurzeln deutsch PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Claudia Raab   

Ron Mueck Born Australia 1958 - Woman with sticks 2008 silicone, polyurethane, steel, wood, synthetic hair, ed. 1/1 (170.0 x 183.0 x 120.0 cm) Private collection © Ron Mueck courtesy Anthony d’Offay, London Photo : Mike BruceDie National Gallery of Victoria zeigt bis Sonntag, 18. April 2010, Werke des in Melbourne geborenen Künstlers Ron Mueck. Der Sohn deutscher Eltern, die in den 1950er Jahren nach Melbourne auswanderten und sich als Spielzeugfabrikanten etablierten, gelangte 1997 mit der Skulptur "Dead Dad" über Nacht zu Weltruhm.

Melbourne würdigt  Ron Mueck, der derzeit in London lebt, jetzt mit einer Ausstellung, die sich Claudia Raab für Deutsche in Melbourne angeschaut hat: Lesen Sie, warum Sie sie auf keinen Fall versäumen sollten.

Foto: Ron Mueck, Born Australia 1958-, Woman with sticks 2008 (detail), silicone, polyurethane, steel, wood, synthetic hair, ed.1/1 (170.0 x 183.0 x 120.0 cm), Private collection, Copyright Ron Mueck courtesy of Anthony d'Offay, London, Photo: Mike Bruce

Verstand gegen Fantasie: Wer betrachtet wen?

Moment! Wer betrachtet hier eigentlich wen? Wir sind es doch gewesen, die brav unsere Taschen an der Garderobe abgegeben, den Eintritt bezahlt, das Ticket vorgezeigt und unseren Weg in die schönen, hellen Ausstellungsräume der National Gallery of Victoria in Melbournes St. Kilda Road gefunden haben. Wir sind doch diejenigen, die uns Ron Muecks Werke anschauen, die der in Melbourne geborene Künstler als Sohn deutscher, in den 50er Jahren nach Australien ausgewanderten Eltern, in den vergangenen 13 Jahren geschaffen hat.

Wir haben berührt und ein wenig schamvoll zugleich, den entblößten, schmalen, männlichen Körper betrachtet, der so verloren, verletztlich und vom Leben gänzlich verlassen auf dem Boden aufgebahrt ist. Betitelt mit "Dead Dad" hat Mueck ihn seinem verstorbenen Vater nachempfunden, erfahren wir, und werden von der Offenlegung dieses intimen Anblicks noch tiefer verlegen. Es waren wir, die wir den nur etwa 100 cm kleinen Korpus so wirklich fanden, dass wir fast dem Drang nachgegeben hätten, ihn behutsam in unsere Arme zu schließen, ihn zu bedecken und zu schützen vor den vermeintlich voyeuristischen Blicken der Besucher, zu denen doch auch wir gehören.

Unschuldig-unbeholfen, entrückter Blick

Und letztlich waren wir es doch, die rundherum gewandert sind, um das frisch geborene Riesenbaby, auf das uns die Medien lang vorRon Mueck Born Australia 1958 - A girl 2006 polyester resin, fibreglass, silicone, synthetic hair, synthetic polymer paint, second edition, artist’s proof 110.0 x 501.0 x 134.5 cm Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh Purchased with assistance from The Art Fund, 2007  © Ron Mueck courtesy Anthony d’Offay, London Photo: Antonia Reeve Eröffnung der Ausstellung so neugierig machten. Bestaunt haben wir es und dann belächelt. Fast fünf Meter lang, samt Nabelschnur, ein bißchen Geburtschleim hier, ein wenig Blut und Glitsch dort, doch insgesamt so süß mit unschuldig-unbeholfenem, entrücktem Blick, wie ihn nur Neugeborene haben, dass wir es gern einmal geknuddelt hätten, wär es nicht ein paar Nummern zu groß und hätte nicht die Museumswächterin im strengen, schwarzen Anzug ihr Argusauge direkt auf uns geworfen.

Foto: Ron Mueck, Born Australia 1958 - , A girl 2006, polyester resin, fibreglass, silicone, synthetic hair, synthetic polymer paint, second edition, artist's proof, 110.0 x 501.0 x 134.5 cm, Scotish National Gallery of Modern Art, Edinburgh, Purchased with assistance from The Art Fund, 2007, Copyright Ron Mueck courtesy Anthony d'Offay, London, Photo: Antonia Reeve

Jetzt stehen wir vor den zwei alten Frauen im Plausch, kaum größer als zwei Gartenzwerge, die ein Schwätzchen halten. Und plötzlich stimmt was nicht. Wieso nur habe ich plötzlich das Gefühl, dass nicht etwa ich die alte Frau im typisch unmodernen, bräunlich-langweiligen Tweetmantel und mit strengem Oma-Knoten mustere, sondern sie mich? Und wieso meine ich plötzlich ganz genau zu wissen, dass jene Bekannte der alten Frau mit ihrem über-gedauerwellten, dünnen, weißen Haar eine zynisch-beißende Bemerkung zischelt über die jungen Frauen, die, Arm in Arm, bauchfrei ihr Piercing stolz zur Schau tragend, an dem alten Paar vorüberschlendern? Hat sie oder hat sie nicht?

Spielt die Fantasie uns einen feinen Streich?

Was passiert bloß hier? Mein Verstand stemmt sich gegen meine Fantasie. Jene Falte, jene Poren der Haut, jenes einzelne Haar, jene Rötung auf der Wange, um das Augenlid ist so wahr, so lebensecht. Kann es kein, kann es ein Trug sein? Verstohlen schaue ich mich um. Was ich sehe, beruhigt. Ausstellungsbesucher - ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt - verrenken sich die Köpfe, strecken ihre Hälse, gehen in die Knie und auf die Zehenspitzen, beugen sich nach hinten und schräg nach vorn, wechseln ihren Standpunkt von links nach rechts und rechts nach links. Gelingt es, den vermeintlichen realen Blick der über-realen und doch rein künstlichen Skulpturen zu kreuzen? Ist es möglich, zu ergründen, ob Mueck ihnen nicht doch auf magische Art und Weise einen Tropfen Lebenselexier verabreicht hat? Spielt uns die Fantansie tatsächlich nur einen feinen Streich?

Ron Mueck Born Australia 1958 - Two women 2005 polyester resin, fibreglass, silicone, aluminium wire, steel, wool, cotton, nylon, synthetic hair, plastic, metal, ed. 1/1 82.6 x 48.7 x 41.5 cm (variable) National Gallery of Victoria, Melbourne Purchased, Victorian Foundation for Living Australian Artists, 2007 © Ron Mueck courtesy Anthony d’Offay, LondonKein Zweifel: Ron Mueck ist ein Meister der Illusion. Und seit er 1997 mit eben jenem "Dead Dad" während der Ausstellung "Sensation: Young British Artists from the Saatchi Collection" in der Royal Academy in London und später im Berliner Hamburger Bahnhof Museum der Gegenwart quasi über Nacht zu Weltruhm gelangte, lieben wir es, uns von ihm illusionieren zu lassen. Frei lassen wir unseren Gefühlen Lauf, die seine Skulpturen - seien sie minuskül oder kolossal - in uns heraufbeschwören. Mueck habe "a gift" - ein besonders Talent - hat seine berühmte Künstler-Schwiegermutter Paula Rego einmal über ihren Schwiegersohn gesagt: "Ron made a dragon out of sand to amuse the children. People at the beach gathered and stared at it. What was surprising was that it had life. And that is his gift", zitiert sie David Hurlston, Kurator, Australian Art, der National Gallery of Victoria, in der Einleitung des Ausstellungskatalogs.

Foto: Ron Mueck, Born Australia, 1958- , Two women 2005, polyester resin, fibreglass, silicone, aluminium wire, steel, wool, cotton, nylon, synthetic hair, plastic, metal, ed. 1/1, 82.6 x 48.7 x 41.5 cm (variable), National Gallery of Victoria, Melbourne, Purchased, Victorian Foundation of Living Australian Artists, 2007, Copyright Ron Mueck courtesy Anthony d'Offray, London

Geppetto, Pinocchio und die Frage "Was wäre wenn?"

Wie wahr! Natürlich wissen wir, dass der nackte Mann im Boot, der mit täuschend echt verschränkten Armen, leicht geneigtem Kopf und hochgezogener Augenbraue skeptisch Ausschau in die Ferne hält, aus Fieberglas und Silikon erschaffen ist. Dennoch lassen wir uns hineinziehen in das Spiel mit dem Natürlich-Künstlichen. Wir lassen uns ungeniert ein, auf das hypothetische  "Was wäre wenn?", fragen uns mit Geppetto, was wohl wäre, wenn Muecks Skulpturen wie einst der hölzener Pinocchio gar nicht leblos, sondern lebhaft sind.

Die Herausforderung, Lebloses zu animieren, scheint in Muecks Familie zu liegen. Geboren 1958 als Kind deutscher Migranten, die sich in ihrer neuen Heimat als erfolgreiche Spielzeugfabrikaten etablieren konnten, sieht er bereits früh, wie sein Vater versucht, Marionetten nicht mit Fäden, sondern sich mechanisch bewegen zu lassen. Mueck selbst, der seit Jahren in London lebt, arbeitet nach der Schule als Marionettenmacher und Puppenspieler. 1978 bis 1983 ist er Creative Director der Australischen Kinderserie "Shirl's Neighbourhood".

Vom Puppenmacher zum Künstler

Eine Zusammenarbeit mit Jim Henson, bekannt durch die "Muppet Show", bringt ihn zunächst in die USA, dann nach London, wo er Ron Mueck Born Australia 1958 - Wild man 2005 polyester resin, fibreglass, silicone, aluminium, wood, horse hair, synthetic hair, ed. 1/1 285.0 x 162.0 x 108.0 cm McClelland Gallery + Sculpture Park, Langwarrin Purchased by the Elisabeth Murdoch Sculpture Foundation and The Balnaves Foundation, 2008  © Ron Mueck courtesy Anthony d’Offay, London Photo Mark Ashkanasyseine eigene Firma gründet, die Modelle schafft für Motion Pictures und Werbefilme. In den Neunzigern beginnt Mueck mit Polyester und Fiberglas zu arbeiten. Gleichzeitig stört er sich immer mehr an den künstlerischen Limitierungen, die ihm seine kommerzielle Arbeit diktiert. Er beginnt Objekte der Objekte wegen zu kreieren. 1996 entsteht seine erste wie echt wirkende menschliche Skulptur und sein Weg als Künstler nimmt seinen Lauf.

Mittlerweile sind Muecks Werke rekrutiert in Ausstellungen weltweit: Unter anderem zeigt seine Werke die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, aber auch das Museum Brandhorst in München, die Tate Gallery in London, das Smithsonian Institute, Washington, sowie Museen in Dänemark, Japan, Canada, Schottland und natürlich auch Australien.

Foto: Ron Mueller, Born Australia 1958-, Wild man 2005, polyester resin, fibreglass, silicone, aluminium, wood, horse hair, synthetic hair, ed. 1/1, 285.0 x 162.0 x 108.0 cm, McClelland Gallery + Sculpture Park, Langwarrin, Purchased by the Elisabeth Murdock Sculpture Foundation and The Balnaves Foundation, 2008, Copyright Ron Mueck courtesy Anthony d'Offray, London

Ob von Geburt bis hin zum Tod - als Betrachter hat man es schwer, sich nicht von der Intensität der Mueckschen Skulpturen in Bann ziehen zu lassen, von ihrer Unschuldigkeit, Verletztlichkeit, Verwunderung oder tiefen Versunkenheit. Nicht nur, dass sie zu lebendig sind, sondern auch, dass Mueck uns durch seine Objekte in Momente zieht, mit denen wir uns aufs Beste identifizieren können.

Verlegenheit und Furcht

Und dass, ob wir wollen oder nicht: Freude über das gigantische Baby. Das unangenehme Gefühl, fehl am Platz zu sein, wie es der unsichere Blick des überlebensgroßen Wilden mit den verfilzten, langen Haaren verrät, den die Zivilisation auf einen Stuhl zum Bestaunen drückt - gänzlich nackt, wie er im Wald gefunden. Furcht und unangenehmes Zukunftsbefragen, ob auch wir vielleicht eines Tages, wenn für uns die Stunde schlägt zu gehen, ebenso wie die alte Frau blass, blutleer und kraftlos, mit halb geöffneten Mund und müden Blick zwischen sterilen, weißen Krankenhausdecken liegen.

In der National Gallery of Victoria wird derzeit die größte Ausstellung von Ron Muecks Werken gezeigt, darunter vier neue Werke des Künstlers. Vermutlich ist die Ausstellung in Muecks Geburtsstadt auch eine der wenigen, in denen seinen Werken löblicherweise den freien und offenen Raum zugebilligt bekommen, den sie - ebenso wie die Ausstellungsbesucher - brauchen, um ihre intensive Wirkung frei entfalten zu können. Faszinierend!

Öffnungszeiten und Eintrittspreise

Gezeigt wird die Kollektion von Muecks Werken in der National Gallery of Victoria in der St. Kilda Road noch bis Sonntag, 18. April 2010. Öffnungszeiten täglich - außer dienstags - von 10 bis 17 Uhr. Tickets kosten $15 für Erwachsene, $ 12 für Consession Card Holders, $ 7.50 für Kinder, $42 für Familien, $ 7.50 für Members und $ 21 für Member-Familien. Online-Ticketkauf und weitere Informationen: National Gallery of Victoria. Hier finden sich auch Hinweise auf Veranstaltungen in Zusammenhang mit der Ausstellung.

Die National Gallery of Victoria weist darauf hin, dass einige Ausstellungsstücke nicht für alle Publikumsgruppen geeignet sind.