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Melbourne Interessantes Die Zukunft der Vergangenheit (Teil 1 und 2)
Die Zukunft der Vergangenheit (Teil 1 und 2) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kerstin Kuhne   

09_KerstinWar3Über 60 Jahre sind seit dem Ende des 2. Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft in Deutschland vergangen. Das Kriegsende und damit der Sieg gegen die Nazis ließ die Menschen im befreiten Europa und in Übersee jubeln. Im stark zerstörten Deutschland, von wo der Krieg seinen Ausgang genommen hatte, versuchte man, sein Leben neu zu organisieren. Doch wie wurde die Tatsache verarbeitet, Bürger und damit ein Teil des Dritten Reichs gewesen zu sein? Eines Reichs, in dessen Namen und nach dessen Willen unvorstellbare Verbrechen begangen wurden? Für Deutsche in Melbourne berichtet und reflektiert Kerstin Kuhne über den spannenden Vortrag „Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen“, den der Historiker Norbert Frei an der Universität zu Melbourne hielt.


Vorurteile gegenüber Deutschen?

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So mancher Deutsche, der ins Ausland reist oder gar im Ausland lebt, fragt sich vielleicht von Zeit zu Zeit, mit welchen Vorurteilen er konfrontiert wird. Das Bild, das die Deutschen von sich selbst haben, kann stark von dem abweichen, das Leute im Ausland mit Deutschen verbinden. Auch noch über 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges scheint die Rolle der Deutschen in selbigem – verständlicherweise – nicht vergessen zu sein.


Erstaunen über ANZAC Day Feierlichkeiten

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Kommt man als Deutscher nach Melbourne oder in eine der anderen großen australischen Städte, wird man sich oft verwundert die Feierlichkeiten zum ANZAC Day am 25. April ansehen. Da gibt es Paraden, Reden und jede Menge Veranstaltungen, um der australischen Soldaten zu gedenken, die in Kriegen und militärischen Aus- einandersetzungen ihr Leben verloren haben. Dabei ist der 25. April nicht der Tag des Kriegsendes, sondern der Jahrestag der ersten Militäraktion der australischen und neuseeländischen Truppen bei der Landung auf der türkischen Halbinsel Gallipoli 1915. Für Deutsche wäre es undenkbar, des Tages der ersten eigenen Kriegshandlungen während des 1. oder 2. Weltkrieges zu gedenken oder ihn gar wie die Australier zu feiern. Um verstehen zu können, warum uns Deutschen der australische Umgang mit den Weltkriegen so fremd ist, kann eine Betrachtung der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen einige Anhaltspunkte liefern.

Wie wurde bewältigt, was unter der Nazi-Herrschaft geschah?

In dem vom Goethe Institut Australien und der Universität Melbourne organisierten Vortrag im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum 60. Gründungstag der Bundesrepublik und zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sprach Professor Norbert Frei über die vier Phasen, in die er den Umgang der Deutschen mit der Erinnerung an das Dritte Reich einteilt. Es sei angemerkt, dass eine Vielzahl der folgenden Formulierungen und auch die Überschrift dieses Artikels aus dem Buch „1945 und wir“ von Norbert Frei übernommen wurden, das auch die Grundlage des Vortrages von Professor Frei darstellt.

Die erste Phase der Vergangenheitsbewältigung

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Die erste Phase - von Professor Frei als Phase der politischen Säuberung bezeichnet - begann direkt mit dem Kriegsende und dauerte bis 1949 an. Nach Kriegsende war es das Ziel der Siegermächte, die Schuldigen auszumachen und zur Rechenschaft zu ziehen. Viele Deutsche versuchten, der Verfolgung durch die gegenseitige Ausstellung von Leumundsbezeugungen, im Volksmund „Persilscheine“ genannt, zu entgehen. Die Alliierten waren in dieser Zeit bestrebt, Täter und auch Mitläufer zu identifizieren und einer justiziellen Säuberung zuzuführen.

Allein im amerikanischen Sektor wurden bis Ende 1945 über 100.000 Deutsche interniert, darunter vorrangig ehemalige Parteifunktionäre und SS-Mitglieder. Die Nürnberger Prozesse sind bis heute das bekannteste Beispiel dieser justiziellen Säuberung, doch in zahlreichen Militärtribunalen in den unterschiedlichen Sektoren wurde insgesamt deutlich mehr Deutschen der Prozess gemacht. Während nach den Nürnberger Prozessen die Hälfte der 24 ausgesprochenen Todesurteile vollstreckt wurde, kam es bei den Militärtribunalen insgesamt zu über 800 Exekutionen.

Viele Deutsche fühlten sich von den Alliierten ungerecht behandelt. Es waren zumeist diejenigen, die zum Beispiel als Beamte der NSDAP unter dem massiven Druck, andernfalls ihren Job zu verlieren, beigetreten waren. Ihrer Meinung nach übten sie ihren Beruf als Parteimitglied in der gleichen Weise aus wie sie es vor der Machtübernahme durch die Nazis getan hatten. Sie konnten nicht nachvollziehen, worin ihr Vergehen bestanden hatte. Eine große Gruppe Deutscher verdrängte den Grad eigener Beteiligung im NS-Staat vollständig oder versuchte sich mit der Begründung heraus zu reden, man habe doch nur Befehle befolgt. Der weit verbreitete Eindruck deutscher Bürger, schuldlos kriminalisiert zu werden, führte dann auch nach der Gründung der deutschen Bundesrepublik 1949 zur zweiten Phase, der Phase der Vergangenheitspolitik.

Die zweite Phase der Vergangenheitsbewältigung

Mit der Gründung der BRD ging die Gerichtsbarkeit an den jungen Staat über, und ein Großteil der Bevölkerung erwartete vom Gründungspersonal der Bundesrepublik einen Schlussstrich unter die politische Säuberung der vergangenen vier Jahre. Frei zeigt auf, dass in Bonn vom ersten Tag an eine Politik der Amnestie und Integration verfolgt wurde. Den Auftakt dazu bildete ein noch 1949 verabschiedetes Straffreiheitsgesetz, das sämtliche Straftaten amnestierte, die vor dem 15. September 1945 begangen wurden und die mit einer Haftstrafe von bis zu sechs Monaten geahndet werden konnten.

Auch wenn dieses Gesetz eigentlich den wegen nicht-politischer Straftaten während der Not- und Schwarzmarktzeit festgenommenen Häftlingen dienen sollte, hatte es gleichzeitig auch die Rehabilitation zahlreicher nationalsozialistischer Amtsinhaber und SS-Leute zur Folge. Die während der ersten Phase aus ihren Anstellungen verdrängten Beamten und Berufssoldaten wurden in großer Zahl wieder in ihre früheren Positionen eingegliedert.

Ende 1950 verabschiedete der Bundestag dann zahlreiche Richtlinien, die zum Ende der Verfolgung ehemaliger Nazis führten. Viele Kriegsgefangene wurden nun entlassen und kehrten nach Deutschland zurück, da sie keine weitere Strafverfolgung in der Heimat fürchten mussten. Auf der einen Seite führte die Entlassung von Kriegsverbrechern zur Verharmlosung dieser Verbrechen, auf der anderen Seite half dieser Schritt laut Frei auch der Stabilisierung der jungen Bundesrepublik, die damit den Forderungen der Bevölkerung nachkam.

Die späten 50er bis späten 70er Jahre

Die dritte Phase, von Frei als Phase der Vergangenheitsbewältigung bezeichnet, begann sukzessive in den späten 50er Jahren und reichte bis in die späten 70er Jahre. Mit dem Heranwachsen der ersten Generation, die nicht selbst aktiv am Krieg beteiligt war und somit keine Flucht vor der eigenen Schuld suchen „musste“, konnte eine neue Betrachtung der NS-Zeit und der Personalsituation in der BRD beginnen. Gerade diese junge Generation entwickelte ein Unrechtsbewusstsein in Bezug auf die während der NS-Zeit begangenen Verbrechen. Erstmals traute man sich, die Vergangenheit kritisch zu betrachten. Es entstanden in wachsendem Maße Gegenkräfte zu den vielfach politisch-moralisch skandalösen Ergebnissen der ersten beiden Legislaturperioden (Phase der Vergangenheitspolitik).

Die Zahl der Proteste wächst

Zahlreiche von Studenten und Professoren angeführte öffentliche Proteste gegen verschiedene rechtsextreme Personen und Institute stellen die ersten, noch recht zaghaften Ansätze des einsetzenden Denkwandels dar. Entscheidende Anstöße der Skandalisierung des Umgangs mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik lieferte allerdings die DDR: der Vorwurf der unbewältigten Vergangenheit eignete sich als vorzügliches Instrument zur politisch-moralischen Diskreditierung der Bonner Demokratie. Im Folgenden wurde die biographische Verstrickung vieler hochrangiger Politiker und Beamter in das NS-Regime aufgedeckt, wobei Ost-Berlin durch die Zuspielung zahlreicher Akten eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Auch die Justiz begann nun nach jahrelanger Amnestie zahlreicher Kriegsverbrechen die Strafverfolgung. Wurden anfänglich lediglich Tötungsdelikte von Deutschen gegen Deutsche zur Anklage gebracht, markiert der Frankfurter Auschwitz-Prozess im Jahre 1963 die wohl entscheidende gesellschaftliche Wende. Im ersten von 3 Prozessen wurden nun auch in Deutschland Verantwortliche für den Tod zahlreicher Juden und anderer Lagerinsassen des KZ Auschwitz zur Rechenschaft gezogen. Mit großer Verzögerung also geriet das Zentralverbrechen der NS-Zeit, der geplante Massenmord an europäischen Juden, in den Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

Die vierte Phase der Vergangenheitsbewältigung

Der neue Fokus ist für Frei auch der Beginn der vierten Phase, der Phase der Vergangenheitsbewahrung. Eine prägende Wirkung hatte dabei die amerikanische Miniserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“. Sie half, hinter der bloßen, schier unvorstellbaren Zahl getöteter Juden die Menschen und ihre Schicksale wahrzunehmen. Die vierte Phase ist geprägt von bewusster Erinnerung und Betrachtung der NS-Zeit. Die Selbsteinschätzung der Deutschen änderte sich nachhaltig, nun wurden auch die reinen Mitläufer der NS-Zeit als Mitschuldige an den Geschehnissen dieser Zeit angesehen. In der gemäß Frei bis in die Gegenwart reichenden vierten Phase hat sich im Laufe der 90er Jahre der Fokus auf 09_Kerstin_Vergangenheit_07die Täterforschung verschoben. Ausgelöst wurde dies durch das Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, in dem der Soziologe und Politikwissenschaftler Daniel Jonah Goldhagen seine Thesen darüber aufstellt, was den Holocaust möglich machte. Eine seiner Annahmen ist, dass in Deutschland Antisemitismus sehr weit verbreitet war. Goldhagen geht soweit anzunehmen, dass Antisemitismus zu unhinterfragten Grundüberzeugungen der deutschen Kultur gehörte und löste mit dieser und anderer seiner Thesen die so genannte Goldhagen- Debatte aus. Im neuen Millennium nähert sich mit großen Schritten der Zeitpunkt, an dem es keine Zeitzeugen der NS-Zeit mehr geben wird. Es stellt sich dadurch auch die Frage, welche Erinnerungen in Zukunft in welcher Form bewahrt werden sollen.

Gerade die Ansicht Goldhagens macht klar, dass sich Deutsche auch heute noch nicht sicher sein können, ob ihre Nationalität in anderen Ländern mit einer antisemitischen Haltung gleichgesetzt wird. Mancher Deutsche mag sich deshalb in Diskussionen mit persönlichen Meinungsäußerungen zurückhalten, um vor dem deutschen geschichtlichen Hintergrund nicht missverstanden zu werden. Meinen persönlichen Erfahrungen nach scheinen diese Bedenken zumindest im Allgemeinen hier in Melbourne irrelevant zu sein. Bisher begegnete ich hier in Diskussionen ausschließlich der Einstellung, dass meine Generation keinen Anteil an den Geschehnissen trägt und somit auch nicht damit zu konfrontieren sei. Der recht pragmatisch eingestellte Australier scheint sich sehr wohl bewusst zu sein, dass jede Nation ihre düsteren Zeiten hatte und dass es nur darauf ankommt, dass man Missstände erkennt und behebt. Die Feierlichkeiten zum ANZAC Day dienen der Erinnerung und Würdigung, nicht der Schuldzuweisung.

Wie gehen australische Schüler mit der Erinnerung an die Weltkriege um?

09_Kerstin_Vergangenheit_06Ich erhielt vor zwei Monaten den Reisebericht eines Geschichtskurses nach der Rückkehr von einer Reise nach Gallipoli, Frankreich und Belgien. Die Schüler haben dort jeweils die Orte aufgesucht, an denen die australischen Streitkräfte während des 1. Weltkrieges erheblich zu dessen Verlauf beigetragen haben. Während der Reise besuchten sie auch eine Reihe von Kriegsfriedhöfen, sowohl der alliierten als auch der deutschen Gefallenen. Schüler und Lehrer zeigten in dem Bericht keine Wut oder auch nur Ressentiments gegenüber den damals bekämpften deutschen Soldaten. 09_Kerstin_Vergangenheit_05Im Gegenteil, sie waren schockiert darüber, wie sehr in Frankreich die Gräber der deutschen Soldaten im Vergleich zu den Gräbern der Australier, Neuseeländer, Briten und Kanadier vernachlässigt wurden. Sie empfanden es als große Ungerechtigkeit, dass man die Gräber der Deutschen nicht genauso pflegte und ihnen offensichtlich nicht so ehrend gedachte. Für sie lagen dort einfach tausende junger Soldaten, die im Dienst ihres jeweiligen Landes viel zu früh ihr Leben verloren. Natürlich waren sie stolz auf die tapferen australischen Soldaten, aber nicht in dem Sinne, dass sie sie als irgendwie wertvoller angesehen hätten. Mich hat dieser Reisebericht nicht nur sehr bewegt, sondern er hat mir auch gezeigt, was die ANZAC Day Feierlichkeiten den Australiern bedeuten.

 


 

Foto "ANZAC DAY" und redaktionelle Bearbeitung von Almut Reith