| Abbotsford Convent: Kunst, Kultur, Picknicks und gute Laune |
|
|
|
| Geschrieben von: Claudia Raab | |||
|
Und sicherlich wäre es sogar möglich, ein Gelübde abzulegen: Wenn auch die Nonnen des "Good Shepherd" Ordens nicht mehr dort wohnen, existiert ihr Orden noch und angeblich kann man die ein oder andere ab und an beim Kaffeeholen in der leckeren Convent Bakery sehen. Deutsche in Melbourne Redakteurin Claudia Raab verrät ihnen mehr über den Konvent, der Stadtgeschichte geschrieben hat. Jeden Tag Kunst, Kultur und Community
Sonntag nachmittag in Abbotsford, Melbourne: Scharen strömen die St. Heliers Street hinunter, um vier Kilometer entfernt vom geschäftigen CBD - Melbournes Stadtzentrum - bei strahlendem Sonnenschein grünste Natur, süßes Landleben, sonntäglich wechselnde Märkte - von Melbournes vielgelobten "Slow Food Market" bis hin zum innovativen Designermarkt "Shirt and Skirt", Musik, Kultur und Wellness pur, samt interessanter Küche, kühlem Bier und natürlich den Konvent zu genießen. Direkt neben der Collingwood Children Farm und dem Yarra Bend Park gelegen, öffnet sich der stolze Abbotsford Convent mit seinen elf historischen Gebäuden, in denen sich heute Künstler, Musiker, Health Practitioners, Lehrer, Gastronomen und Galleristen sowie sozial engagierte Geschäftsleute tummeln. Schier unglaublich ist der riesige, 6,8 Hektar große Park, in den sich idyllisch gewunden der Yarra einfügt, und der täglich von 7.30 bis spät in die Nachtstunden für seine weltlichen Besuchern geöffnet ist. Biker und Hippies, Künstler und Familien
Im Konvent wuselt's. Drei Motorradfahrer in schwarzer Lederkluft sitzen an Tischen im Biergarten unter grünen Bäumen direkt neben reichlich gepiercten Hippies mit langen Rasta-Locken, selbstgestrickten Ringelstrümpfen, orangefarbenen Baumwollhosen und Batik-T-Shirts.
Hat er tatsächlich, und die zwei schlendern gemeinsam davon, vorbei an jungen Familien mit Picknickdecken im Gepäck und einer Gruppe Fahrradfahrer in professionell sportlichen Trikots, die ihre Räder in Richtung Cafée schieben. Zentraler Platz in Melbourne 2030 Vision
Der Abbotsford Convent ist ein einzigartiges Kunst-, Kultur-, aktives Begegnungs-, Fortbildungs- und Gemeindezentrum für Jung und Alt, für große und kleine Melbourner. Ein Zentrum, in dem noch immer Handwerker ein und aus gehen, um es zu renovieren und restaurieren, um den Zahn der Zeit, der an ihm genagt hat, zu beseitigen und noch mehr Künstler, Musikern, Gemeindegruppen und Besuchern Platz für Kreativität zu gewähren. Stadtplanner haben den Konvent zu einem der drei grossen "Activity Centre" in ihrer Melbourne 2030 Vision auserkoren und große Pläne für den Komplex geschmiedet. Heute schon gibt es ein riesiges Wellnesscenter, etliche Büros von gemeinnützigen Vereinigungen, Künstlerateliers, Cafées, Restaurants, einer Convent Bäckerei und Melbournes Sophia Mundi Steiner Schule - um nur einige Institutionen zu nennen. Zuflucht für "gefallene" Mädchen und Frauen in Armut
Dabei hat vor gut 150 Jahren alles ganz anders angefangen: Mit einem Brief des Bischofs von Melbourne, James Goold, an die Schwester Generaloberin des "Guten Hirten" Ordens im französischen Anger. Wäre es ihr möglich, einige ihrer Schwestern nach Melbourne zu entsenden, fragte Goold an, der später Melbournes erster Erzbischof werden sollte. Das Schicksal einer beängstigend rasch steigenden Zahl junger Mädchen und Frauen, die an den Rand der Gesellschaft in Verachtung und Armut gestoßen waren und ihren Lebensunterhalt mit Diebstahl oder gar Prostitution verdienen mussten, gab ihm Anlass zu großer Sorge.
Bischoff bat Schwestern des "Good Shepherds" um Hilfe
Um ihnen zu helfen, hoffte Bischof Goold auf die Hilfe der Schwestern des "Guten Hirtens", des "Good Shepherds". Nur wenige Jahre zuvor von Schwester Marie Euphrasia Pelletier gegründet, setzten sich die Nonnen vor allem für das Wohlergehen von "gefallenen" jungen Mädchen und Frauen ein. Goold hoffte nicht vergeblich: Am 24. Juni 1863 trafen vier junge, irische Nonnen aus Frankreich in Port Melbourne ein, um in Abbotsford einen Convent zu gründen, der in wenigen Jahren sage und schreibe über 1200 Mädchen und Frauen Zuflucht und Arbeit geben sollte. In der Pferdekutsche des Bischoffs machten sich die vier Schwestern in weißer Tracht mit schwarzer Haube auf, um ein geeignetes Gebäude zu suchen. In Abbotsford wurden sie fündig und kauften sowohl Abbotsford Haus als auch das benachbarte St. Heliers. Den reichen Besitzern war das einst ländliches Abbotsford zuwider geworden, denn mit der wachsenden Industrie hatten sich mehr und mehr einfache Arbeiter in ihrer Nähe niedergelassen. Geschäftstüchtige Nonnen
Große Geldsummen trieben die jungen Nonnen auf, ließen unter anderrn das faszinierende Convent Building im unverkennbar französisch gotischen Stil erbauen, und eröffneten geschäftstüchtig - wie viele Nonnen des "Good Shephards"- , eine Wäscherei, in der sie und ihre Schützlinge arbeiteten und die rasch zu florieren begann.
Einem modernen Apartmentkomplex sollte er weichen und über 140 Jahre Geschichte, an der Melbourne nicht gerade reich ist, einfach ausgemerzt werden. Als die Abbortsford Convent Foundation das Gelände 2004 übernahm, war nicht nur der Park haushoch mit Blaubeerbüschen und Unkraut überwachsen. Dächer leckten, Wände drohten einzustürzen, der Konvent war verwahrlost. Vom Mädchenhaus zur modernen WG
Die Nonnen hatten in den 70er Jahren erkannt, dass ihre Arbeit mit "auf die schiefe Bahn geratenen Mädchen", nicht mehr zeitgemäss war. Sie gründeten daher kleinere, modernere Wohngemeinschaften, in denen die Mädchen betreut wohnten. 1975 verkauften sie den größten Teil des Konvents, behielten jedoch ihre Kirche und ließen ein Seniorenheim bauen, in dem noch heute einige der Nonnen wohnen.
Doch Gitter vor Fenstern der Mädchenquartiere zeugen noch heute vom strickten Regiment, das im Konvent herrschte. Nicht selten versuchten die Mädchen zufliehen, erzählt Janet, und erinnert daran, dass quasi die einzige Tür zur Außenwelt, die Tür war, durch die die Wäsche an- und ausgeliefert wurden. Erinnerungen kehren zurück
Janet, eine ehemalige Lehrerin, erzählt von der Mutter, die ihre beiden Töchter zu den Nonnen brachte, nachdem ihr Mann verstorben war und sie sie nicht mehr ernähren konnte. Eines der Mädchen, kehrte als erwachsene Frau in den Konvent zurück als Janets Tourgast, ergriffen von ihren Erinnerungen an den Tag, an dem die Mutter, inzwischen neu verheiratet, sie endlich wieder zurück zu sich holte. Eine andere heute erwachsene Frau wurde von ihrem jetzigen Mann zurück an den Ort gebracht, zu dem sie einst ein Melbourner Gericht verwies als Strafe für ihr Weglaufen von zuhause. Ihr Mann, so Janet, wünscht sich, sie solle Frieden schließen mit ihren Erinnerungen an den Konvent und zur inneren Ruhe kommen. Eine Hoffnung, die sich erfüllte, und auch zeigte, wie einfühlsam die Nonnen sein konnten: Sie bestanden darauf, dass die Feindseeligkeiten zwischen Stiefvater und Stieftochter, Grund für das Ausreißen, in ihrem Beisein begraben und eine Lösung für ein gemeinsames Familienleben gefunden wurden, erzählte das einstige Konventmädchen. Convent Bakery backt wieder
Wer den Abbotsford Convent betritt, der merkt, der Ort ist etwas ganz Besonders. Um so erfreulicher sei es, so Janet, dass heute die Bedeutung wiedergewonnnen hat, die er für seine ursprünglichen Bewohner hatte: Schon die Wurundjeris und Bunerung nutzten ihn, um sich zu treffen, ihr Wissen auszutauschen und an Jüngere weiter zu geben und wichtige Zeremonien zu feiern. Gut zu wissen, dass ihre Tradition fortgesetzt wird. Weitere Info gibt es auf der ausführlichen Webseite des Convents, auf der auch die Restaurants und Cafées, sowie zahlreiche der Künstlerstudios und die Einrichtungen für "Small Community Businesses" genannt sind: Adresse: 1 St. Heliers Street, Abbortsford, Victoria 3067 Infos zur Anfahrt: www.abbotsfordconvent.com.au/visitor Telefon: (03) 9415 3600 Öffnungszeiten: täglich 7.30 bis 22 Uhr
|