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Deutsches Generalkonsulat Melbourne
Pfarrer Matthias Kunze: The long Way round von Ost nach West
Melbourne Menschen

Pfarrer Matthias Kunze: Neu in MelbourneNovember 2009. Für viele Menschen inner- und außerhalb Deutschlands ist er ein ganz besonderer Monat. Aufwühlende Wochen im deutschen Herbst 1989, in dem die Mauer fällt, die 28 Jahre Ost- von West-Deutschland trennte, passieren Revue.

Viele erinnern sich gerade jetzt an das Glücksgefühl von einst. In anderen werden zugleich vergessene Erinnerungen an die DDR lebendig. Erinnerungen, die noch immer Herz und Kehle zuschnüren. Der gebürtige Zwickauer Matthias Kunze ist neuer Pfarrer der deutschen Dreifaltigkeitsgemeinde. Deutsche in Melbourne Redakteurin Claudia Raab stellt ihn vor.

Lesen Sie, warum auch ihn das Erinnern schmerzt, und was er für die Gemeinde plant.

Leben in der DDR ohne FDJ und Jugendweihe

"Nach der Stasi ist die Schule die zweit-schwärzeste Zeit in der DDR," sagt Pfarrer Matthias Kunze und spricht aus Erfahrung. Weshalb? Mit einem Vater, dem als Bäcker eine Bäckerei in Werdau, sieben Kilometer entfernt von Zwickau, gehört, gilt Matthias Kunze in der DDR automatisch als Kind eines Kapitalisten und Ausbeuters. Die sind nicht beliebt im freien Arbeiter- und Bauernstaat. Damit nicht genug: Matthias tritt der Freien Deutschen Jugend (FDJ) nicht bei und an der Jugendweihe nimmt er auch nicht teil. Er wird konfirmiert.

Die neue Pfarrfamilie KunzeDas unkonforme Verhalten hat Konsequenzen: Nach der 10. Klasse muß Matthias Kunze die Schule verlassen. Nicht etwa, weil er es so möchte, sondern weil Menschen wie ihm in der DDR keine weitere Schulbildung gebührt.

Kein Abitur machen und nicht studieren zu dürfen - die Entäuschung, der Schmerz von damals sitzen noch tief bei dem neuen Pfarrer der deutschen Dreifaltigkeitsgemeinde Melbourne.

Leben als Bäcker, Ausreisen oder Theologie

Ohne Abitur steht für den Jugendlichen erst einmal eine Bäckerlehre in der Nähe von Dresden an. 1976 ist Matthias mit der Ausbildung fertig. Ein Jahr lang arbeitet er im Betrieb des Vaters, dann zieht er Bilanz."Ich hatte drei Optionen," erklärt der mittlerweile 51jährige Seelsorger. "Erstens, ich bleibe mein Leben lang Bäcker, was mich nicht interessierte. Zweitens, ich stelle einen Ausreiseantrage, bin zwischen einem oder sechs Jahren im Westen und rechne mit Repressialen gegen mich und meine Familie. Drittens, ich bewerbe mich um einen Platz an einem Theologischen Seminar und studiere Theologie."

Besorgt um die Familie und überdurstig nach mehr Wissen kommt für Kunze nur das Theologische Seminar in Frage. "Die Kirche hat sich bemüht ihren Studenten eine unheimlich breite humanistische Bildung mitzugeben," erinnert sich der Vater von fünf Kindern. "Ich konnte hier zum ersten Mal westliche Literatur lesen. Golo Mann, Franz Kafka - Schriftsteller, auf die die DDR schlecht zu sprechen war - und Geschichte mal nicht aus marxistisch-leninistischer Sicht kennenlernen. Ich habe das Studium genossen."

Heizer an der polnischen Grenze

Allerdings zunächst nur wenige Monate, dann rief die Nationale Volks Armee (NVA). Aus dem Theologie-Student wurde der Bausoldat Kunze, der an der polnischen Grenze als Heizer Kohle und Asche schaufelte. "Ich hab mir die Spiegeleier auf der Glut gebraten," lacht er und nebenbei Griechisch gelernt, das er nach der Wehrzeit 1980 so flüssig konnte, dass er gut in der Sprache die Zeitung hätte lesen können.

Rathaus in LeipzigZurück im Theologischen Seminar in Leipzig wächst in ihm nicht nur die Liebe zur Theologie, sondern auch zu seiner zukünftigen Frau Evelin, die er bei Treffen der Evangelischen Studentenjugend kennenlernt.

Mittlerweile verheiratet, tritt der junge Pfarrer 1985 nach seinem ersten Examen sein Vikariat an. Sein Gehalt beträgt die Hälfte von dem eines Bäckergesellen. Das Pfarrhaus gleicht einer Ruine und ist unbewohnbar. Evelin, die ihr erstes Kind erwartet, muss weiterhin in Leipzig bei ihrer Familie wohnen, während Matthias mithilft, das Haus in Schuss zu bringen. Dafür erntet er Respekt der Dorfbewohner. "Die haben gesehen, Mensch, der Pfarrer kann ja zupacken, der ist ja auch ein Mensch," lacht er.

Stasi sitzt in Fürbitten-Gottesdiensten

1988 beginnt man in der DDR zu ahnen, das etwas "in der Luft liegt". Matthias' Kirche beginnt sich zu füllen. Die Montagsdemonstrationen fangen an. Menschen strömen in Fürbitten-Gottesdienste. Der Pfarrer ist realistisch: "Wir hätten auch Fürbitten für Gänseblümchen halten können, die Leute wären gekommen. Sie kamen, um sich Mut zu holen. Um zu sehen, wir sind ja viele. Wir sind eine Gemeinschaft." Ihm ist klar, dass im Gottesdienst Leute der Stasi sitzen, die genau zuhören, was und wie er predigt, doch fährt fort mit seiner sachlichen Kritik.

Er weiss sehr wohl,  dass sein Telefon abgehört wird und die Angst vor der Stasi aus dieser Zeit greift noch immer: "Noch heute ertappe ich mich, dass ich sage: "Dieses Thema möchte ich aber lieber nicht am Telefon diskutieren" oder ich meine, ein Klicken in der Leitung zu hören," merkt Kunze an.

Postkarten aus Wien

Doch 1988 beginnt sie zumindest zu schmelzen, die Angst. Es bilden sich Kommittees, die die Wahlen überwachen. Ergebnisse werden angezweifelt. Postkarten truddeln ein von Freunden. "Wir sind jetzt in Wien und kommen nicht zurück." Warum nicht selbst gehen, schießt es ihm immer wieder durch den Kopf. "Du willst doch nicht der Letzte sein, der das Licht ausknipst." Doch was würde mit den Eltern, den Geschwistern geschehen?

Die Kunzes diskutieren. Sie bleiben, obwohl die Einschulung der Tochter naht, die den Geistlichen in ein Dilema stürtzt. Er hadert, durchlebt noch einmal die eigene Kindheit. Dann steht für ihn fest: "Gut, wir bleiben. Aber wenn es soweit ist, wird meine Tochter in die FDJ gehen und die Jugendweihe mitmachen. Auch wenn ich Pfarrer bin. Ich verbaue ihr keine Chancen."

Ehrlichkeit beeindruckt

Erste Auslandsstation: EdinburghEs fällt ihm, der von sich ganz ehrlich sagt, dass er kein Held sei, sichtlich schwer über dieses Thema zu sprechen und die Ehrlichkeit des Pfarrers beeindruckt umso mehr. Das, was er durchgemacht hat, will er seinen Kindern ersparen.

Was zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnt:  Die Entscheidung, FDJ oder nicht, wird ihm abgenommen. Die Ereignisse überschlagen sich, Krenz kommt und geht. Die Mauer fällt. Matthias Kunze verliert nicht eine Sekunde und ist der erste Pfarrer aus Ostdeutschland, der sich bei der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) um eine Stelle im Ausland bewirbt. 1992 wird er in Edinburgh, Schottland, eingesetzt.

"Das war Wahnsinn," erinnert er sich. "Die große, weite Welt. Wir kamen uns vor, als wären wir aus dem Mustopf." Englisch musste gelernt werden, London erkundet, und, und, und. Nach sechs Jahren ging es für die Familie wieder zurück nach Deutschland, genauer gesagt in die Christuskirche nach Dresden mit 2000 Gemeindegliedern.

Von Edinburgh zurück nach Dresden

Christuskirche in DresdenHier bekamen Töchter Katharina (22) und Anna-Christina (18) sowie Sohn Goetz (20) zwei weitere Geschwister, Maria-Helen (6) und Moritz (4). "Als wir dann mal kein Kind in der Schule und ein großes Zeitfenster hatten, überlegten wir, ob ich mich noch einmal auf eine neue Stelle im Ausland bewerben sollte," erzählt Kunze. Der Familienrat ist dafür, die erste Bewerbung für Melbourne auf Anhieb erfolgreich, und die Familie landete am 28. Juli 2009 in Tullamarine.

In Melbourne hat sich Matthias Kunze mittlerweile recht gut eingewöhnt, ist jedoch noch immer damit beschäftigt, die Gemeinde kennenzulernen und sich wieder an lange Autofahrten zu gewöhnen. Die Gemeindeglieder sind weit über Melbourne verstreut.

Von Dresden auf nach Melbourne

Wichtig ist dem neuen Pfarrer vor allem, eine "runde" Gemeinde zu haben, in der sich jeder willkomen und gewertschätzt fühlt - egal ob 18 oder 80 und unabhängig vom Frömmigkeitsgrad. Kunze: "Ich weiß, daß einige sehr frömmig, andere eher sozial engagiert sind. Alle sollen Teil sein." Missionieren, in die Kirche drängen wird er nicht.  Aufgewachsen in einem System, dass Menschen zur Mitgliedschaft zwingt, ist das kein Wunder. Dennoch verdankte er es eventuell genau dieser Einstellung, nicht zuletzt in Dresden viele neue Gemeindeglieder zu gewinnen.

Einladung zu offenen Hauskreisen

Derzeit in MelbourneVielmehr lädt Kunze ein zu offenen Hauskreisen in das Wohnzimmer im Pfarrhaus. Hier wird diskutiert über Gott, die Welt und die Bibel - auch, und gezielt, mit Menschen, die nicht explizit Mitglied der Gemeinde, vielleicht sogar weit entfernt vom Glauben sind. Doch, so Kunze, mache er auch klar, dass die Hauskreise nicht getrennt von seiner Kirche existieren. Sei Hilfe nötig, z.B. beim Weihnachtsmarkt, frage er ganz klar das ein oder andere Nicht-Mitglied nach einer helfenden Hand.

Die bunte Mischung aus Ost und West, Jung und Alt seiner neuen Gemeinde macht ihm viel Spaß, sagt er, und läßt seine Arbeit vor allem spannend werden. Er freut sich über die aktive Jugendarbeit in der Gemeinde und ist voller Lob für die Arbeit der Gemeindepädagogin Andrea Kämper, die leider Anfang nächsten Jahres wieder nach Deutschland gehen wird.

Wörterbuch griffbereit auf Schreibtisch

Nur sein Englisch sei noch ein wenig rostig, gesteht der Pfarrer. Er sei schon überrascht gewesen, wieviel hier - selbst im Vergleich mit Schottland - auf Englisch ablaufe. Deshalb findet man ihn noch oft am Schreibtisch, auf dem griffbereit das dicke Wörterbuch liegt. Hier hält er derzeit noch jede Predigt, jede Taufe, Beerdigung und Hochzeit pingelig genau, Wort für Wort, fest,  bevor er vor die Gemeinde tritt, damit die Schmetterlinge im Bauch zur Ruhe kommen.

Die Sprache wird ihm sicherlich bald wieder so vertraut sein, wie einst sein Griechisch. Ausserdem können Tochter Katharina und Sohn Goetz in der Anfangszeit per Skype und Telefon sicherlich helfen. Die beiden studieren gerade in Oxford und Southampton - genau das, was ihr Vater sich zu DDR Zeiten für sie sehnlichst gewünscht hat.

Wie vieles Wirklichkeit werden kann, wenn Mauern weichen. Willkommen in Melbourne!

Copyright Deutsche in Melbourne