Janina Schusters Melbourner Kolumne: My Life Unzensiert - Teil 2

Liam, Sohn der Deutsche-in-Melbourne-Kolumnistin Janina Schuster, kurz nach seiner dramatischen GeburtZwei Monate zu früh ist Janina Schusters Fruchtblase geplatzt. Nach ihrem erfolgreichen Debüt vergangene Woche schildert unsere neue Deutsche in Melbourne-Kolunmistin wie sie schneller und ganz anders als gedacht Mutter wird. Eine Berg- und Talfahrt voller Angst und Glückseeligkeit.

 "Good morning love. Room is ready"

”Anneee! Annnneeeeeeee!” Ich hier auf meiner Pritsche und nebenan braucht jemand anscheinend ganz dringend seine Mama. Ich weiss nicht, wieviel Uhr es ist und mein tolles Abteil hier auf der Emergency Station hat natürlich kein Fenster. Die arme Frau nebenan, liegt anscheinend schon ´ne ganze Weile in den Wehen und ich denk nur: Kann bitte irgend jemand die Mutter von ihr anrufen! Und wieder „Anneeeeeee!“ Ahrrrr! Irgendwie schlafe ich dann doch noch mal ein, aber nicht sehr lange. Die Frühschicht ist da. “Good morning love! YourWenn man auf das Baby in Melbourne wartet room is now ready. We can move you upstairs”. Yes, denk ich nur, ein richtiges Bett. Schliesslich haben die Ärzte gemeint, ich solle mich auf ´nen langen Krankenhausaufenthalt gefasst machen. Was ich vorher auch nicht wusste, ist, dass Babies auch ganz gut ohne Fruchtwasser auskommen koennen. Wie gesagt, ich bin erst in der 31. Woche und heute plus einen Tag. Heute ist Sonntag der 19. Juni, Geburtstermin wäre der 21. August.

Mein Zimmer ist ein Doppelzimmer, geteilt wird natürlich mit noch einer Schwangeren. Und kaum bin ich etwas eingerichtet, kommt auch schon mein erster Besuch vollgepackt mit Nintendo, Magazinen, Essen und Trinken. Allem, was man halt so braucht für die nächsten Wochen. Die Hebamme kommt auch immer wieder rein zum checken. Baby ist happy und Wehen hab ich auch keine. Alles gut. Let’s do this! Gegen Mittag kommt dann auch Oli mit ´ner Tasche voll Zeug, das ich ihm letzte Nacht noch aufgeschrieben hatte. So langsam wird es hier gemütlich. Gegen 16 Uhr kommen dann Martin und Anschi auf Besuch. Wenn das so weiter geht, wird es mir hier nicht langweilig, denke ich.

An alle Schwangeren: Kein Wort glauben

Gegen 16:30 Uhr dann fang ich an mich etwas komisch zu fühlen. So ein kleiner Schmerz im Unterleib kommt und geht, kommt und geht. Als ob ich meine Tage bekomme. Übungswehen, denke ich. Sind ja normal. Aber dann: Ok, Mist! „Ich glaub da tut sich was“, sag ich Zwei Monate zu früh in Melbourne zur Welt gekommen ist der älteste Sohn von Janina Schuster, Deutsche in Melbournezu Oli. Ich dann meinen roten Knopf gedrückt und die Hebamme streckt auch schon gleich drauf ihren Kopf rein. „ Ich bring dir zwei Panadol“, sagt sie, dann könne ich heute Nacht gut schlafen. Haha... an alle Schwangere da draussen: Glaubt denen kein Wort! Das ist deren ihre Masche. Es ist jetzt 17 Uhr und ich nehm die zwei Panadol im Glauben, dass es gleich besser wird. So kurz vor 18 Uhr drücl ich wieder meinen roten Knopf. Dieses mal schon mit heftigeren Schmerzen. Von wegen... Ok, sagt die Hebamme, ich ruf dann mal die Ärztin. Holy moly, das dauert natürlich wieder ´ne dreiviertel Stunde und jetzt sind meine Wehen schon in vollem Gange. Die Ärztin wirft dann mal schnell ´nen Blick „drauf“ und ruft: „Ohhh no, we need to get her downstairs asap! I can already see the head“.

Jetzt geht alles super schnell! Mit dem Bett runter in den Kreissaal, dort vom meinem gemütlichen Bett schon wieder auf so ´ne Pritsche. Und zack, die nächste Wehe! Oh f... (oh, das war knapp, ich hab meiner Redakteurin versprochen nicht zu fluchen! Nochmal gut gegangen), aber der Arm von der kleinen, zierlichen Schwester musste leiden. Ich hab schon bissel Kraft in den Händen und einfach zugepackt. Autsch... Sorry! Im Kreissaal hat sich mittlerweile eine ganze Armee von Kinderärzten versammelt. Ich komm mir grad bissel vor wie beim Kylie Minoge-Konzert und ich bin Kylie. Well, nothing they haven‘t seen before.

Was? Plazenta manuell entfernen?

17 JaSchu2 0319.30 Uhr. Unser Baby kommt auf die Welt. Neun Wochen zu früh. Sofort übernimmt die Ärzteschar und nehmen unseren kleinen Jungen mit. Nix mit Schmusen und Kuscheln, bonding... Nein, am Leben halten ist jetzt wichtiger. Die Frauenärztin sagt mir, wir müssen noch auf die Plazenta warten. Ok, denk ich. What ever. Mir geht’s elendig. Ich will nur wissen, ob unser Baby ok ist. Und natürlich kommt die blöde Plazenta auch nicht von alleine. „Wenn die Plazenta sich nicht in den nächsten 5 Minuten löst, müssen wir dich für eine OP fertig machen und die Plazenta manuell entfernen“, erklärt mir die Schwester. Whaaaat? Warum das denn? Auch wieder was gelernt. Wenn sich die Plazenta 30 Minuten nach der Geburt nicht löst, dann kann das gefährlich für die Mama werden. Ok, ok, dann los, denk ich mir. Aber hang on, wie kommt die dann raus im OP, hat sie eben manuell gesagt? Die Ärztin klärt mich auf... Ich erspar euch jetzt die Einzelheiten und sag nur so viel: Tierdokumentation, Tierarzt, laaaaanger Handschuh und Kuhpopo! Das wird wohl reichen!

Einige Stunden später - es ist schon nach Mitternacht - wache ich so langsam aus der Vollnarkose auf. Thank god für Vollnarkosen, denk ich nur. Die Schwester kommt und fragt, wie es mir geht. „Ganz ok“, sag ich. Sie erklärt mir, dass unser Baby auf der Früchenstation ist und Oli bei ihm. In ein paar Minuten bringen sie mich zurück auf mein Zimmer und dann kommt der Kinderarzt und sagt mir, was los ist. Oh und by the way, wie soll der Kleine denn heissen, fragt sie. Einen Namen! Ja, stimmt, das Kind braucht ja einen Namen. So genau wissen wir das ja noch gar nicht. Also sag ich jetzt einfach mal „I think we are going to name him Liam“.

Überlebenschancen 75 Prozent

Als ich dann oben in meinem Zimmer ankomme, ist Oli auch schon da. „Hey, die haben mich gefragt wie er heissen soll“, sagt er. „Und was hast du gesagt?“ frag ich. „Ich hab mal gesagt Liam“ „Gut! Ich auch.“ Ich bin immer noch ziemlich benebelt von der Narkose und Was sie während ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohnes erlebt hat, erzählt Deutsche in Melbourne Janina Schusterdann steht da auf einmal Tingeltangel-Bob neben meinem Bett. Ihr wisst, schon der Verrückte mit den vielen Haaren von den Simpsons. Tingeltangel-Bob entpuppt sich dann recht schnell als Kinderarzt, oops. Mit einem Geburtsgewicht von 1828g und 43 cm ist Liam schon recht gross und kräftig für 31 Wochen. Das ist gut. Leider hat er sich bei seinen ersten Atemzügen seine Lunge beschädigt. Das ist weniger gut. Er ist jetzt auf der Intensiv-Station. Seine Überlebenschancen sind bei 75 %. Bang! Nicht gerade das, was man hören will, wenn man gerade zum ersten Mal Mama wurde.

Wenigstens kann ich zu ihm und ihn zum ersten Mal sehen und anfassen, durch die Löcher im Brutkasten. Sehr emotional, sag ich euch. Tränen laufen mir übers Gesicht. Ist einfach alles bissel viel. Ich komme mir so hilflos vor. Alles hängt an den Ärzten, Schwestern und unzähligen Maschinen und Apparaten, die unseren kleinen Mann am Leben halten. Ich war noch nie und bin bis heute kein Kindernarr. Auch hatten wir die Schwangerschaft nicht geplant und ich war auch nicht wirklich happy damit. Aber ich kann euch sagen, ich werde diesen Moment nie in meinem Leben vergessen, als ich Liam das erste mal gesehen hab. Es ist so verrückt: Da liegt dieses kleine, mini Baby, das du noch nie zuvor gesehen oder berührt hast und ich bin überwaeltigt von den Gefühlen. In dem Moment wäre ich für ihn gestorben!

Kein besseres Geschenk

Die nächsten elf Tage verbring Liam noch auf der Intensivstation. Jeden Tag geht es ihm besser. Seine Lunge heilt. Die Schläuche werden weniger, die Beatmungsgeräte braucht er nicht mehr. Dann geht´s auf die Special Care Unit. Jetzt heisst es, gross und stark werden undLiam Schuster ist diese Woche in Melbourne eingeschult wordenalleine essen lernen. Dann dürfen wir dich mit nach Hause nehmen. Die ersten drei Wochen verbringen wir jeden Tag im Mercy Hospital bis die Ärzte uns vorschlagen, Liam ins Northpark Hospital zu verlegen. Das ist näher an zu Hause und mehr Ruhe haben wir da auch. Wir sind damit einverstanden. Nach weiteren drei Wochen im Northpark Hospital dürfen wir dann endlich am 31. Juli 2011 unseren mittlerweile nicht mehr ganz so kleinen Liam mit nach Hause nehmen. Perfekt. Morgen ist Papa’s Geburtstag. Ein besseres Geschenk hätte Oli sind nicht wünschen koennen.

Während ich dies schreibe, ist Liam mittlerweile 5 Jahre alt, kerngesund. Am Freitag kam er in die Schule. An die ersten Wochen erinnern nur noch zwei winzige Narben auf seiner Brust. Wir sind den Ärzten unendlich dankbar, für die dies damals vielleicht nur ihren Job war. Aber für uns haben sie unsere Welt am Leben erhalten. Diese erste Kolumne möchte ich somit allen Schwestern und Ärzten der NICU des Mercy Hospital in Heidelberg widmen. Danke!

DiM-Kolumnistin Janina Schuster ist Mama, Ehefrau, Hundemama, Selbstständige, Angestellte sowie durch und durch Pfälzerin. 2007 ist sie mit Ehemann Oli und Hundedame Paige nach Melbourne gezogen. Sie hat zwei Söhne: Liam ist fünf und Luke wird zwei. In Melbourne hat sie sich ihren Wunsch, mit Hunden zu arbeiten, erfüllt. Erst mit ihrer eigenen Hundeschule "Fun for Dogs", dann als Pet Educator, um für die Australische Regierung Kindern in Kindergärten und Grundschulen den richtigen Umgang mit Hunden beizubringen. Ihre zwei Border Collies Kala und Pepper sind seit einem Jahr Therapy-Hunde in einem Altersheim und bald im Northern Hospital in Epping. Mit dieser Kolumne geht sie nun einem weiteren Hobby von ihr nach: Dem Schreiben!

Fotos: Courtesy of Janina und Oliver Schuster