Janina Schusters Melbourner Kolumne: My Life Unzensiert - Teil 1

Deutsche in Melbourne Janina Schuster schreibt über ihre Erfahrungen in Australien

Schwanger zu sein und Kinder zu bekommen, geht hier in Melbourne auch nicht wirklich anders als in Deutschland, findet Janina Schuster in ihrer neuen Reihe "Mein Life unzensiert". Wenn alles nach Plan läuft ist gut, manchmal kommt es aber anders als man denkt ...

Hat Nachtschwester keine Lust auf Bettenmachen?

Die Hebamme kommt grad rein und sagt mir, dass ich heute Nacht auf der Emergency Station übernachten müsse, da sie kein Zimmer für mich auf der Station frei haben. Na toll! Ich glaub' eher die Nachtschwester hat keine Lust mehr, mir um 2 Uhr morgens noch ein Bett Schwanger als Deutsche in Melbournezu machen. Well, what can I do? Nicht viel, also mache ich es mir auf der Pritsche hier gemütlich. Oli ist vor einer halben Stunde heimgefahren. Mit dem Taxi. Zu viel Bier intus. Bin ich froh, dass unser Baby noch ist, wo es hin gehört. ´Nen nicht so ganz nüchternen, werdenden Vater mit im Kreissaal zu haben, das wäre weniger traumhaft.

Sechs Stunden früher ...

Mit meinen Freundinnen Kathi, Vanessa und Nicole habe ich es mir mit Pizza im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Unsere Männer sind in der City unterwegs. Ich bin in der 31. Woche schwanger. Für alle, die sich da nicht so auskennen, ich inklusive als ich noch nicht schwanger war: In einer Schwangerschaft dreht sich alles um Wochen, nicht um Monate. Mich hat das früher immer verrückt gemacht, da ich absolut keine Ahnung hatte, wieviele Wochen man überhaupt schwanger ist! 9 Monate, das war klar. Aber warum sagt man nicht einfach: Ich bin im fünften Monat? Super easy für alle zu verstehen! Neun minus fünf ist vier. Also noch vier Monate weiter Gurken essen. Ok, ich klär euch auf: Eine Schwangerschaft geht 40 Wochen, wenn alles gut läuft. In Wochen wird gezählt, weil tatsächliche jede Woche zählt. Jede Woche tut sich soviel, dass es einfach präziser ist, in Wochen zu messen, um genauer zu wissen, was zu erwarten oder zu machen ist. Ich hatte zu dem Zeitpunkt also noch 9 Wochen vor mir. Für die Nicht-Mütter unter uns, noch gute zwei Monate.

Ist die Fruchtblase gerade geplatzt?

Janina mit Luke und Kala in Melbourne

Hier sitzen wir nun zusammen und tratschen über Gott und die Welt oder das australische Outback - das hat so ziemlich die gleiche Größe. Ich sitze auf dem Boden, als ich plötzlich das Gefühl habe, mich vollgepieselt zu haben. Hab ich mich jetzt echt angepinkelt, frage ich mich? Soll ich vielleicht ganz unauffällig aufstehen, mal ins Badezimmer gehen und gucken, was da los ist? Nächster Gedanke: Wenn ich jetzt aufsteh´, sehen die anderen, dass es unter mir nass ist. Ok, dann Plan B: Ich frage Nicole, die Einzige zu dem Zeitpunkt mit Kind, und die muss es ja schliesslich wissen: „Hey Nicole, kann es sein, dass mir meine Fruchtblase grad geplatzt ist?“

Oh, ich wünschte, ich hätte `ne Kamera in meinen Händen gehabt, um die Gesichter zu fotografiern. Priceless! Ihr hättet mal sehen sollen, wie alle drei aufgesprungen sind. Ich bin dann auch mal aufgestanden. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja immer noch nicht genau, wieviel Wasser da jetzt auf dem Teppichboden von unserem - zum Glück - Mietshaus, gelandet ist. Ich bin heilfroh zu sehen, dass es echt nur `ne kleine Pfütze ist. Ok, nur keine Panik, denke ich. Mir tut nix weh. Das heisst dann wohl, dass ich keine Wehen hab und Kinder kommen nur mit Wehen. Alles gut. „Erstmal duschen und umziehen," rede ich mir zu. Die Mädels sehen die ganze Sachen nicht ganz so relaxt, strengen sich aber wahnsinnig an, sich nichts anmerken zu lassen.

Wo ist die Nummer vom Krankenhaus?

Vanessa dann: „Krankenhaus! Da musst du hin. Ruf da mal an und frag, was wir machen sollen. Wo ist die Nummer?“ „Ähm, ich hab keine Ahnung!“ Warum soll ich das auch wissen, ist ja schliesslich noch zwei Monate Zeit. „Warum hast du die Nummer nicht? Du musst die doch haben,“ ist Vanessas Antwort. „Ruf Paula an. Ihr Nummer ist in deinem Handy. Die arbeitet im Northpark Hospital.“ Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, warum wir nicht einfach gegoogelt haben. Ich mein, hallo? Handy raus, tip-tip-tip und tada: Da ist die Nummer. Gab‘s Notfall in Melbournedas vor fünf Jahren noch nicht? Aber egal!

Ich dann auf dem Weg in die Dusche, rufe noch schnell runter. „Hey, kann jemand vielleicht noch Oli anrufen?“ Der Vater des Kindes sollte auch informiert werden. Das wird lustig, denke ich. Der ist seit fünf Stunden mit seinen Kumpels in der City unterwegs und garantiert schon etwas angeheitert. Kathi erbarmt sich, ihn anzurufen und ihm die frohe Botschaft zu überbringen. Während ich unter der Dusche stehe - es ist jetzt übrigens gegen 21 Uhr - kommt Vanessa ins Bad gerannt: „Das Krankenhaus will wissen, in der wievielten Woche du bist.“ „31,“ sage ich. „Ok dann müssen wir ins Mercy Hospital in Heidelberg“, sagte sie, nachdem sie aufgelegt hat. „Das Northpark hat keine Frühchen-Station“.

Ausgerechnet  die ältesten Unterhosen

Nicole hat in der Zwischenzeit angefangen, meine Tasche zu packen. Ausgerechnet mit den ältesten Unterhosen, die ich besitze. „Ah, halt, die nehm ich nicht mit,“ protestiere ich und ziehe die alten Liebestöter wieder raus. „Ich will lieber die hier,“ verkünde ich und zeige auf 17 MLU1 05etwas sexier Versionen. „Hast du noch was vor im Krankenhaus?“ bekomme ich als zynische Antwort. Ja, ja, sie hat ja Recht, aber hey, wer weiss, was ich für einen Arzt zu Gesicht bekomme?

Die arme Kathi hat nun meinen Mann am Telefon, der ihr natürlich kein Wort glaubt. Nach Minuten kann sie ihn doch davon überzeugen und er verspricht ihr, ins Krankenhaus zu kommen. Eine knappe Stunde später schledere ich mit meinen Girls - und meinen "guten" Unterhosen - in die Emergency Abteilung. Oli ist schon da. Die gute Frau am Schalter hat Oli schon ein Patientenformular zum Ausfüllen gegeben. Nach ein paar Minuten schaue ich auf das Formular und sehe: Name of Patient: Oliver. Und beim Geburtsdatum steht natürlich auch sein Geburtstag. „Hallo! ich bin hier der Patient, nicht du!“ „Oh, oops“.

Wer weiss, was morgen ist?

Zwei Stunden später sehe ich den Arzt. Ich hab die guten Unterhosen übrigens umsonst eingepackt. Hebamme und mehrere Tests später ist dann klar: Ja, meine Fruchtblase ist tatsächlich geplatzt, Baby ist aber happy. Wehen hab ich keine, darf aber nicht heim und muss 17 MLU1 03zur Beobachtung hier bleiben, bis das Baby auf die Welt kommt. Na super! Oli hat beschlossen, sich ein Taxi zu rufen und versprochen, morgen früh gleich wieder zu kommen. Und so mache ich mir mein eher ungemütliches Bett zurecht und hoffe, dass ich wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekomm. Wer weiss, was morgen noch alles passiert...

DiM-Kolumnistin Janina Schuster ist Mama, Ehefrau, Hundemama, Selbstständige, Angestellte sowie durch und durch Pfälzerin. 2007 ist sie mit Ehemann Oli und Hundedame Paige nach Melbourne gezogen. Sie hat zwei Söhne: Liam ist fünf und Luke wird zwei. In Melbourne hat sie sich ihren Wunsch, mit Hunden zu arbeiten, erfüllt. Erst mit ihrer eigenen Hundeschule "Fun for Dogs", dann als Pet Educator, um für die Australische Regierung Kindern in Kindergärten und Grundschulen den richtigen Umgang mit Hunden beizubringen. Ihre zwei Border Collies Kala und Pepper sind seit einem Jahr Therapy-Hunde in einem Altersheim und bald im Northern Hospital in Epping. Mit dieser Kolumne geht sie nun einem weiteren Hobby von ihr nach: Dem Schreiben! 

Text: Janina Schuster, Fotos: Courtesy of Janina Schuster und Angelika Waesch